Bonn erlebt kurz vor den Landtagswahlen in Bayern einen politischen Skandal, in dem sich Behauptungen, Beschuldigungen und Gegendarstellungen überschlagen. Kurz nachdem die CSU am Freitag in Nürnberg bekanntgegeben hatte, der FDP-Bundestagsabgeordnete Karl Geldner sei zu ihr übergetreten, erklärte der 43jährige Politiker in Bonn, Kreise der National-Liberalen Aktion (NLA) und der CSU hätten ihn zum Übertritt in die CSU bewegen wollen. Dafür seien ihm angeboten worden: ein sehr vorteilhafter Beratungsvertrag (siehe Dokumente der ZEIT) und die Zusicherung der CSU, ihm 1973 ein neues Bundestagsmandat durch einen sicheren Wahlkreis, eine Absicherung auf der Landesliste oder beides zu verschaffen.

Wie Geldner weiter sagte, habe er sich nach Rücksprache mit seinem Fraktionschef Mischnick auf Scheinverhandlungen eingelassen, um "endlich Beweise für diese Methoden (der Abwerbung) in die Hand zu bekommen". Nach seinen Angaben unterschrieb er am 6. November den Beratungsvertrag und erhielt am gleichen Tag vom CSU-Vorsitzenden Strauß die Zusicherung, man werde 1973 für seine Wiederwahl sorgen.

Um schriftliche Beweise für das Vorgehen von NLA und CSU zu erhalten, gab Geldner vor, er habe – wieder nach Rücksprache mit FDP-Politikern – am 13. November drei Schriftstücke unterzeichnet: ein vorbereitetes Schreiben an die FDP; ein Schreibe! an den Bundestagspräsidenten, in den er seinen Übertritt zur CSU erklärte; und eine schon am 6. November vorbereitete, mit dem Datum des 13. November versehene Darlegung seiner Gründe für den vorgeblichen Übertritt.

Erst daraufhin habe ihm der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe in Bonn, Stücklen, eine von Strauß bereits signierte Zusicherung übergeben, die CSU werde 1973 für seine Wiederwahl sorgen.

Geldners Behauptungen sind vom CSU-Vorsitzenden Strauß scharf zurückgewiesen worden. Strauß beschuldigte statt dessen die FDP, sie habe ihre abtrünnigen Mitglieder Zoglmann und Starke mit finanziellen Ködern zur Mandatsniederlegung bewegen wollen.

Beide Seiten haben den Vorfall benutzt, der Gegenseite schäbige und gesinnungslose Praktiken zu unterstellen. Strauß sagte, in Geldners Verhalten komme "ein Tiefstand politischer Moral" zum Ausdruck. Wer Gewissensnöte in der Form vortäusche, wie es Geldner getan habe, der als erster an die CSU herangetreten sei, habe das Urteil über sich selbst gesprochen.

Der FDP-Fraktionsvorsitzende Mischnick sprach dagegen von "Notwehr", um "verwerfliche politische Methoden bloßzulegen".