Frankfurt/Main

Die Euphorie hielt nicht lange an. Am Tage nach der Hessen-Wahl konnten sich SPD-Verlierer und FDP-Gewinner nicht zurückhalte! und flirteten vor den Fernsehkameras derart penetrant, daß der empfindsame politische Beobachter peinlich berührt wegsehen mußte. Am Abend nach der ersten Koalitionsverhandlungsrunde (am Freitag vergangener Woche) machten die künftigen Regierungspartner den Eindruck eines Ehepaares, das sich eigentlich scheiden lassen will, aber zusammenbleibt, weil die Kinder noch nicht erwachsen sind.

Ein Wunder ist das nicht. Denn als das unerwartete Wahlergebnis in Wiesbaden auf den Tisch lag, ließ der freudige Schreck zunächst veressen, daß für die FDP das Schlimmste erst noch bevorstand: mit den Sozialdemokraten eine gemeinsame Regierungsbasis zu finden. Tatsächlich gab es denn auch nach der ersten offiziellen Verhandlung außer einer gemeinsamen Pressekonferenz wenig Gemeinsames. Bis auf die – allerdings entscheidende – Gemeinsamkeit. Daß sich beide Seiten den guten Willen zu erhalten haben, zu einem "Ende gut, alles gut" zu kommen.

"Trotz gewisser Probleme in einzelnen Sachlagen sind wir von der Bildung einer sozialliberalen Regierungskoalition überzeugt." Das versicherten Ministerpräsident und SPD-Hessen-Süd-Vorsitzender Albert Osswald und der FDP-Landtagsfraktions-Vorsitzende und Wahlkampfmatador der Liberalen, Heinz Herbert Karry. Aber beide erklärten auch: "Es wird noch ein sehr hartes Ringen notwendig sein, um in den Sachproblemen zu einer Übereinstimmung gelangen zu können."

Was die Sozialdemokraten und die Freien Demokraten trennt, das ist in der Tat von den beiden FDP-Wahlkampfthesen überdeckt worden: die absolute SPD-Mehrheit im Landtag zu brechen und für eine Koalition mit den Sozialdemokraten offen zu sein. Die FDP-Essentials für eine SPD/FDP-Koalition waren dagegen nicht zum Gegenstand öffentlicher Diskussionen geworden. Für nicht wenige stellte sich dieses Thema recht akademisch dar. Doch jetzt ist "die Situation da" und mit ihr Konfliktstoff, der bei Anwendung der Maßstäbe gängiger Politmoral für ein echtes Ehehindernis ausreichen würde: Die FDP ist erbitterter Gegner des Universitätsgesetzes, das erst im Sommer gegen die Stimmen von FDP und CDU von der SPD im Landtag durchgebracht worden war. Aus Protest waren damals die Rektoren der hessischen Universitäten zurückgetreten. Die Organisation der Selbstverwaltung paßte ihnen nicht. Unter ihnen Professor Ruegg in Frankfurt. Seine Vorstellungen stehen hinter dem Hochschulkonzept, das von der FDP vertreten wird.

"Es geht ausschließlich um Sachfragen", berichteten die Delegationen nach der Vorrunde. Aber mit der Sachfrage "Universitätsgesetz" ist die Personalfrage Ludwig von Friedeburg (SPD) verbunden. Wird der Ministerpräsident Osswald den Kultusminister seines ersten Kabinetts unter dieser Konstellation in das zweite hinüberretten können? Friedeburg genießt heute nicht mehr das gleiche Ansehen in der Studentenschaft wie bei seinem Amtsantritt. Aber sicher hat sich die FDP übernommen, wenn sie glaubte, sie könnte die Preise so hoch treiben, daß ihretwegen ein taufrisches Universitätsgesetz verschwindet.

Mit den Meinungsverschiedenheiten über eine Verwaltungsreform in Hessen werden sich beide Parteien noch schwertun. Die Freien Demokraten streiten nicht erst seit gestern für eine wirklich durchgreifende Reform. Es sollen Nägel mit Köpfen gemacht werden: Auflösung der traditionellen Landkreise, dafür sinnvolle großräumige Verwaltungsregionen. Die Sozialdemokraten ziehen dagegen eine Politik der kleinen Schritte vor. Mit gutem Zureden und finanziellen Verlockungen sollen die Gemeinden zu freiwillig gen Zusammenschlüssen gebracht werden.