Von Marie-Louise Plessen

Seit drei Jahren macht’s "Intourist" möglich: Westliche Touristen können russische Sprachkurse besuchen – in der Sowjetunion. Die Programme, bisher mit viel Erfolg durchgeführt, finden regen Anteil – nicht nur bei Schülern und Studenten, es kommen junge und alte Lernwillige aus ganz Europa und den USA, um den vorhandenen Sprachschatz aufzufrischen, oder den jungen zu fundieren und auszubauen. Naturwissenschaftler reisen an, die die russische Fachliteratur im Original studieren wollen, Slawistikstudenten und Dolmetscheraspiranten, ältere Herren, um Tolstoi aus erster Hand zu lesen, und Lehrerinnen, die für ihre Schüler russischeArbeitsgemeinschaften einrichten wollen.

Während die sowjetischen Kinder im Sommer ihre Ferien genießen, sitzen die so verschiedenartigen Abc-Schützen des Russischen in deren Klassenzimmern, sachkundig und beredt geführt von Lehrern der Moskauer Lomonossow-Universität. Doch wer noch nie eine Vokabel gelernt und keine Vorstellung von der Schwierigkeit der russischen Grammatik hat, ist hier fehl am Platze. Es gibt zwar vier Kurse, aber selbst in Kurs I wird schon so viel verlangt, daß der Unterricht für jemanden ohne Vorkenntnis völlig unverständlich abrollt. Sinnvoll sind die Kurse nur zur Weiterbildung, nicht aber für eine erste Begegnung mit dem Russischen.

Und nicht nur das: Da die Klassen international sind, ist es ebenso ratsam, Französisch oder Englisch zu beherrschen; denn der Gospodin Utschitjel, der Herr Lehrer, weicht auf diese Sprachen aus, wenn das Russische zum Verständnis nicht ausreicht.

Statt nachmittags dann den Kopf in die Sonne zu halten, wie man es nach den anstrengenden Schulstunden des Vormittags gern täte, beugt man ihn über die Hausarbeit, die genauestens vom Lehrer korrigiert wird. Erliegt man der Versuchung, diese Aufgaben auf später zu verschieben, spürt man schon am nächsten Morgen in der Schule schmerzlich die Lücke. Was gestern durchgenommen und als Hausarbeit aufgegeben wurde, wird heute vorausgesetzt. So streng ist die Methode, von der jeder Schüler – gleich welcher Nationalität – profitiert, solange er mitarbeitet.

An Hand von Bildergeschichten, die man in Worte fassen muß, mit Nacherzählungen von Geschichten Puschkins oder Paustowskijs, Aufsätzen beispielsweise zum Thema: "Wie bewirte ich meinen russischen Gast in München?", wo es besonders Findigen gelang, die russische Übersetzung von Leberkäse zu erstellen (yr petschonka), Frage-und-Antwort-Spielen und Bildbeschreibungen, befreit man sich von den heimatlichen Lehrbuchseiten und lernt das freie Sprechen. Jeden Morgen, außer sonntags, sind dafür viermal vierzig Minuten vorgesehen.

Man lernt auch das freie Singen: Mit englischer, deutscher oder spanischer Inbrunst der russischen Volksseele verfallen, intoniert man im Chor täglich 80 Minuten unter Leitung eines emphatischen Dirigenten Liebeslieder und Moritaten wie Stjenka Rasin (die Wellen des Gefühls schlagen hier besonders hoch), Moskauer Nächte (mit belegter Stimme), das Lied von der kleinen Brombeere Kalinka.