Es ist wahr, daß man ihn noch kaum wirklich kennt – ausgenommen diejenigen, die ihn auf zwei Schallplatten schon für sich entdeckt haben: "Tristeza on Guitar" und "Poema] on Guitar", nach Auskunft der Firma MPS in gut dreißigtausend Exemplaren verkauft. Und da es Zweifel an der Ausspräche seines Namen gibt, sei das gleich mit einem biographischen Hinweis über den dreiunddreißigjährigen brasilianischen Gitarristen Baden Powell geklärt: Der Großvater, ein Neger, war Dirigent des nach der Sklavenbefreiung entstandenen brasilianischen Negerorchesters; der Vater war Geiger und führte die brasilianischen Pfadfinder an, er war ein offenbar glühender Verehrer des Briten Robert Thompson Baden-Powells, der 1908 die Pfadfinderbewegung gegründet hatte, so gab er seinem Sohn dessen Namen zum Vornamen: Baden Powell de Aquino.

Er ist ein Mann von zierlicher Gestalt, sein Gesicht fein geschnitten, in den Zügen ein Anflug von Melancholie. Wenn er spielt, schließt er die Augen; er ist vollkommen konzentriert. Bei jazzartigen, rhythmisch sehr diffizilen Variationen, die sich manchmal weit vom Thema entfernen, ohne daß es je verloren ginge, spiegelt sich die Intensität seines Spiels in seinem Gesicht wider. Wenn er den Beifall entgegennimmt, dankt er mit einem offenen Lachen; in diesem Moment glaubt man ihm die Anekdote, er habe, als er acht Jahre alt war, seine erste Gitarre der Tante nur deswegen gestohlen, weil er zu schüchtern gewesen sei, sie darum zu bitten.

So war auch sein Auftritt im Stadttheater von Schweinfurt, der ersten Station seiner ersten Tournee durch die Bundesrepublik; nichts auf der Bühne, das von der Essenz des Vorganges hätte ablenken können, kein Wort, das gesprochen werden mußte: Powell, im schwarzen Pullover und in schwarzen Samthosen den Nichtaufwand an Äußerlichem noch betonend, der Bassist Ernesto Ribero Gonsalves und der Schlagzeuger Hello Schiavo, beide in roten Hemden, schließlich, buntkariert, der dunkelhäutige Alfredo Besso mit seinem lustigen, verschlagenen Gesicht. Er setzte das Auditorium in Erstaunen, als er, umwerfend behende, all die volkstümlichen brasilianischen Schlaginstrumente, Atabaques, Padeiros, Agogós und Guicas beklopfte, schüttelte, schlug, rieb. Und mit der Guica vollführte er auch ein komisches Intermezzo inmitten eines sonst eher asketisch anmutenden schönen, ernsten Konzerts: indem er mit feuchtem Lappen einen Stab rieb, der sich in dem am einen Ende mit einer Haut bespannten Blechzylinder befindet, und dabei Zwiegespräche mit einem imaginären jaulenden Wesen hielt.

Also Baden Powell. Ich kannte nicht alle Titel, die er gespielt hat; meine Uninformiertheit deckte sich mit der des überaus interessierten Publikums, das selbst aus entfernteren Orten wie Würzburg herbeigekommen war und sich auch auf das Programmheft verlassen hatte und damit verlassen war: eine außerordentlich ärgerliche Unsitte, deren sich neuerdings immer mehr Veranstalter befleißigen. Sie begnügen sich damit, ihr Publikum mit schlecht übersetzten oder holperig geschriebenen, jedenfalls nebulös schwärmenden Auslassungen sitzen zu lassen.

Baden Powell also. Einen Augenblick lang erinnerte er mich an Charlie Byrd, einen sehr guten, wenngleich nicht sonderlich populär gewordenenamerikanischen Jazzgitarristen. Aber Powell kann viel mehr. Was sich da auf sechs Saiten abspielt, kann einem schon Herzklopfen verursachen. Mit Virtuosität ist das nur schwach umschrieben; mindestens so wichtig ist die Phantasie des Spielers, und bei Powell war es eine von mir bei noch keinem Gitarristen gehörte Klangphantasie, die sich auf einem manchmal ziemlich verzwickten, in Brasilien gewachsenen und nicht zuletzt durch den Jazz ergänzten Rhythmus entwickelte.

Das fängt zuerst relativ einfach an, und man registriert: klare Läufe, explosiv die synkopischen Sforzati, Akkorde mal weich und rund, mal glasklar, dünn und durchsichtig, mal stahlhart, mal schneidend scharf. Manchmal in Melodien von einer sanften, sehr zurückhaltend geäußerten Melancholie, läßt Powell die tiefen Töne den hohen um eine Spur nachhinken, somit ein lyrisches, aber sehr schlankes Arpeggio hervorrufend, das nicht als Manier wirkt, sondern Ausdrucksmittel ist.

Einmal war es, als finde auf der Gitarre ein Gespräch statt: eine Stimme erst, dann reden drei, dann alle Stimmen durcheinander, dann flüstern sie, dann schließlich, schrumm, endet das mit einem tiefen ernsten Wort. Oder über einem stehenden hohen Ton – einer Art umgestülptem Orgelpunkt – entwickeln sich Figuren, stumpf, glitzernd hell, strahlend, gedämpft, bis dann eine heiße Bö von Klängen durch den Saal fegt. Oder, bei der "Imitation" eines Volksfestes, beginnt er über einem Orgelton einen Tanz, läßt dann nacheinander Blaskapelle, Trommler, Fanfaren, wieder Trommler und Blasmusik aufmarschieren und alles wieder in dem Tanz enden. Dann passiert es auch, daß er auf seinen sechs Saiten, gleichzeitig und scharf nacheinander, ganz verschiedene Klangfarben erzeugt, sozusagen instrumentiert: auf sechs Saiten ein Orchester! Nicht gerechnet diese irrwitzigen Läufe, diese Flageoletts, dieser Einfall, eine Melodie mit der flachen Hand zu "reiben".

Ein Konzert von fast betäubender Intensität – und um vieles hier besser als auf seinen Schallplatten. Das Publikum aus Schweinfurt und anderswo her antwortete darauf mit enthusiastischem Beifall. Manfred Sack