Von Dietrich Strothmann

Tel Aviv, im November

Der Krieg findet nicht statt. Aber es wird vom Krieg geredet: Ob die Ägypter am Kanal nicht doch eines Tages, eines Nachts, völlig unerwartet, den ersten Schuß abfeuern? Ob auf den ersten dann der zweite Schuß folgen wird, schließlich neue Artillerieduelle, Bombardierungen, Stoßtrupp-Vorstöße ins Feindesland? Ob dann, wenn dabei sowjetische Soldaten getötet werden, der Kreml einen Großangriff riskiert? Was werden dann die Amerikaner tun?

Über diese Frage wird auch dieser Tage in Israel diskutiert, nicht laut, nicht auf offener Straße, nicht einmal in den Zeitungsspalten. Aber im kleinen Kreis, im privaten Gespräch tauchen sie auf, machen die Runde. Es sind noch immer Israels Alltagsfragen. Sie liegen wie ein großer, schwerer Schatten über dem Land: Wann wird es wieder losgehen? Wann wird einer der Offiziere drüben, auf der anderen Seite des Kanals, einer, der vom langen Warten in der Wüstenstellung ermüdet ist, den das untätige Herumsitzen in den Schützengräben mürbe gemacht hat, die Nerven verlieren und auf den Knopf drücken?

Die Spannung, die über den Menschen in Tel Aviv und Jerusalem liegt, ist nicht sogleich spürbar; sie verbirgt sich hinter Lässigkeit und Stolz, hinter privaten Problemen und der Lust am Leben.

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Ein Abend in dem großen Saal des "Oasis"-Hotels in Ramat Gan, einem Stadtteil von Tel Aviv: Es gibt keinen leeren Platz. Ohrenbetäubender Lärm füllt den dunklen Raum. Vorn, auf der Bühne, tanzen, singen, schreien junge Leute. Für Minuten sind sie völlig nackt in den Scheinwerferstrahlen, die in Sekundenschnelle über ihre bloßen Körper hinweghuschen. In der "Oasis" wird Hair gespielt. Zum ersten Male werden in einem Land, in dem das Oberrabbinat, die Synagoge und eine religiöse Regierungspartei mit der ihnen eigenen Strenge über die guten Sitten wachen, öffentlich – wenn auch nur undeutlich und für einen kurzen Augenblick – nackte Menschen gezeigt.