Anschließend ging ich in Harlaching um die Baustellen von Eigentumswohnungen herum und betrachtete kupfergedeckte Dächer, Walmdächer, vorn heruntergezogene Dächer, an den Seiten heruntergezogene Dächer und Dachgärten. Keine Villa wurde abgerissen. Und Mauern gingen ineinander über, verschieden hoch, wieder weiß, und hinter ihnen weiße Bungalows. Der Himmel schien nicht mehr kreideweiß.

Weiß waren auch die Kittel der Mitarbeiter der Geschäftsstelle des Gutachterausschusses bei der Landeshauptstadt München. Über zehntausend Verträge für das Jahr 1970 im Grundstücksverkehr innerhalb des Burgfriedens von München müssen die Leute auswerten. Wenn das erledigt ist, tritt ein Gutachterausschuß zusammen. Er berät, welche Richtwerte in den einzelnen Stadtgebieten festgelegt werden. Die Veröffentlichung erfolgt alle zwei Jahre. Über zweitausend Richtwerte liegen vor. In Obermensing bei Pasing zum Beispiel ist ein Grundstück, das für den Bau von Eigentumswohnungen Vorgesehen ist, innerhalb eines Monats um nahezu das Doppelte im Preis gestiegen. Einer kaufte es für 220 000 Mark und verkaufte es schnell wieder für 400 000. In Harlaching, das ermittelten die Mitarbeiter in den weißen Kitteln, gehen die Preise, falls hohe Nutzungsziffern garantiert sind, von 350 Mark pro Quadratmeter bis auf fünfhundert. Im Herzogpark werden zuweilen Liebhaberpreise gezahlt.

Ich wußte nicht, wie weit es von Harlaching nach Grünwald ist. Man sagte mir, ich solle immer geradeaus gehen. Eine Stunde etwa.

In Grünwald ging ich durch die Dr.-Max-Straße. Sie ist lang. Zu beiden Seiten langgestreckte Bungalows und Anwesen, jedoch keine Besitzungen. Wenig lange Mauern. Und Gärten, manche mindestens dreitausend Quadratmeter groß. Nirgendwo Eigentumswohnungen. Nur ein Haus machte diesen Eindruck; aber es war das Rathaus.

Ein Bauingenieur wußte auch nicht, wer Dr. Max gewesen ist. Er stimmte mit mir darin überein, daß man in der Dr.-Max-Straße hin und wieder von Anwesen sprechen könne; und wer hier schon lange sei, habe vielleicht außerdem eine Besitzung am Starnberger See oder an einem der anderen Seen. Er fuhr mich zurück, über Großhesselohe und Solln. Es wurde dunkel; und er konnte mir in Solln keine Eigentumswohnungen mehr zeigen.

Am nächsten Morgen um acht war der Himmel überall blau. Ich ging die nördliche Auffahrtsallee in Nymphenburg am Schloßkanal hinauf und die südliche hinunter. Ich ging in der Tintorettostraße, der Tizianstraße und der Tiepolostraße herum. Das war auch ein Wetter für diese Namen. Warm wurde es. Und wieder weiß: die ersten Eigentumswohnungen. Nicht ganz so luxuriös wie im Herzogpark. Oder doch? Nein, ziemlich gleich.

Auf der anderen Seite des Schloßkanals übersah ich, was weiß war, und ging um Villen herum, deren Dekorationszubehör aus den Gründerjahren unversehrt geblieben war.

Ich ging in die Romanstraße. Gleich mußte die Hubertusstraße kommen, wo Frank Wedekind gestorben ist, in der Krecke-Klinik. Gegenüber standen Polizisten. In einem schöngeistigen Verlag, in einer alten Villa, war eingebrochen worden. Blumenbilder waren dem Einbrecher in die Hände gefallen. Geld hatte er im Panzerschrank nicht gefunden.