Die Filmförderungsanstalt konnte sich nicht zur Veröffentlichung der Studien von Dichter und Infratest entschließen und gab statt dessen nur eine fragwürdige, oft sinnentstellende Kurzfassung heraus. Eine übertriebene Vorsicht, denn im Grunde sind beide Untersuchungen in ihren Kategorien und ihrer Argumentation so branchen-orientiert, daß sie kaum Zündstoff enthalten oder gar revolutionäre neue Wege aufzeigen; sie bieten eher eine affirmative Zustandsschilderung. Ein Vorhaben des Münchner Filmmacher-Syndikats setzt da an, wo Dichter und Infratest aufgehört haben.

Das Syndikat der Filmmacher will die Situation des bundesrepublikanischen Films mit wissenschaftlichen Methoden erforschen. Der Regisseur Rainer Werner Fassbinder hat schon zehntausend Mark gestiftet, das Innenministerium wurde um dreißigtausend Mark gebeten, die Filmschulen in Ulm und München um je fünftausend Mark und das "Kuratorium Junger Deutscher Film" um zehntausend Mark. Die Arbeit der Filmmacher und die Struktur des Publikums zu erforschen, das wurde als Forderung oft gestellt; Die Initiative des Syndikats hat deshalb eine Chance, weil man das ganze professionell aufziehen, will, mit Soziologen und Psychologen, mit unabhängigen Forscherteams, vereint mit denen, die an den Filmschulen und in der Praxis schon jetzt forschungsorientiert arbeiten.

Das Syndikat der Filmmacher meint, man dürfe das Versagen der Filmwirtschaft nicht nur konstatieren, wie es die Dichter-Studie tat, man müsse vielmehr den Gründen nachgehen und Lösungsmöglichkeiten erarbeiten: "Die Filmwirtschaft hat als einziges Maß dafür, ob ein Film den Bedürfnissen des Publikums entspricht, den kommerziellen Erfolg. Daß wirtschaftlicher Erfolg und Artikulation der Bedürfnisse des Publikums nicht identisch sind, wird selbst von den rigorosen Vertretern des kommerziellen Standpunktes zugegeben. Mit Duldung der Wirtschaft wurden immer wieder Versuche unternommen, Möglichkeiten zu schaffen für Äußerungen, welche nicht dem Gesetz des kurzfristigen wirtschaftlichen Erfolges unterworfen sind. Das hat zu einer Polarisierung geführt. Auf der einen Seite die kommerziellen Filmer, die, versteckt oder unverhohlen, das Geschäft der Verdummung betreiben. Auf der anderen Seite eine kleine Anzahl von künstlerischen Filmern, die das Publikum, das sie erreichen möchten, in der Regel nicht erreichen. Auf beiden Seiten scheint die Entwicklung nun in eine Endphase gelangt zu sein: Der letzte Versuch der Filmwirtschaft, sich zu stabilisieren, das Filmförderungsgesetz, hat den wirtschaftlichen und geistigen Niedergang des kommerziellen Films beschleunigt. Der letzte Versuch im Bereich des künstlerischen Films, der Autorenfilm, erreicht durch die totale Abriegelung der Branche gegen diese Art von Film nun nicht einmal die Minoritäten, welche er bis vor zwei Jahren erreichte."

Das Syndikat wiederholt damit nicht die Forderung nach Selbstverwirklichung von Autoren, sondern es strebt eine neue Verpflichtung auf die Bedürfnisse des Publikums an: "Das Syndikat der Filmmacher geht davon aus, daß die Qualität von Filmen sich unter anderem daran bemißt, ob wirkliche Publikumsbedürfnisse befriedigt werden. Diese Bedürfnisse des Publikums gilt es zu untersuchen. Film ist, je nach Interesse, verstanden worden als Ware oder als künstlerisches Ausdrucksmittel. Unser Ziel ist es, Film zu einer Kommunikationsform zu machen, die den Bedürfnissen des Menschen nach Selbstbestimmung über seine Interessen in der Freizeit gegenüber den Mächten der Freizeit- und Bewußtseinsindustrie, entspricht."

In diesen wenigen Sätzen kündigt sich, wenn der Anspruch eingehalten wird, ein wirklich neues Programm der Filmmacher an. Es ist nötig. Denn einige filmpolitische Entscheidungen stehen bevor: Novellierung des Filmförderungsgesetzes, Neuordnung der Länderkompetenz in Filmfragen, EWG-Harmonisierung. Bislang sind die Autoren, Regisseure und Kritiker der Lobby der Filmwirtschaft immer unterlegen gewesen. Wenn sie von geplanten Änderungen erfuhren, war es zur Sammlung der überindividuellen Interessen der Macher immer schon zu spät. Die Forschungs-Initiative könnte den Machern erstmals eine Grundlage geben, die ihre Politisierung vorbereitet. Werner Kließ