Die Professoren, die sich in dieser Woche in Bad Godesberg zu einem Bund zusammengeschlossen haben, wollen für die Freiheit der Wissenschaft kämpfen. Durch, die studentische Forderung nach Mitbestimmung sehen sie vor allem die Forschung in Gefahr. Als Beitrag zu diesem heißumstrittenen Thema veröffentlichen wir hier Auszüge aus einer Rede, die Klaus von Dohnanyi, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft, vor der Jahresversammlung der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler gehalten hat.

Den Konflikt zwischen Forschungsfreiheit und gesellschaftlichem Interesse hat die Wissenschaft sich letzten Endes selbst zuzuschreiben: Ihre Erfolge machen die Steuerung des wissenschaftlichen Fortschritts durch die Gesellschaft notwendig. Der Ruf nach "Prioritäten" ist einleuchtend: Verwundern muß es eher, daß diese politische Reaktion so spät erfolgt. Das beschleunigte Tempo der wissenschaftlich-technischen Entwicklung verdeutlicht offenbar die Problematik und zwingt nun – mindestens in der Intention – zu einer Revision der bisherigen laissez-faire-Haltung in wissenschaftspolitischen Fragen.

Man macht es sich sicherlich auch zu leicht, wenn man so tut, als ob etwa früher unbegrenzte Forschungsfreiheit bestanden habe. In einem Offenen Brief, den vor einigen Wochen Professor Ernst Boesch an den Bundesminister für Bildung und Wissenschaft, Hans Leussink, richtete, wird zum Beispiel vor einer Verlagerung von gewissen Entscheidungen in universitäre Kollegialorgane mit dem Argument gewarnt: "Wehe dem Forscher, der einer verrückten Idee nachspürt, wehe dem Immanuel Kant, dem Karl Marx, der Marie Curie oder dem Sigmund Freud: Seine Kollegen, Assistenten und Studenten (und wenn es nach Viertelparitäten geht, auch noch seine Sekretärinnen) werden darüber entscheiden, ob er den Auftrag als Hochschullehrer genügend erfüllt."

Interessant an diesem Brief, der mir für eine verbreitete Besorgnis der Hochschullehrer in der Bundesrepublik symptomatisch zu sein scheint, ist weniger die Tatsache, daß man bisherige Fakultätssitzungen für wirkungsvoller und "freiheitlicher" hält als eine Verlagerung dieser Entscheidungen in kleinere Gremien (Fachbereiche), obwohl die Beteiligten dort, im Zweifel auch die Studenten, mit der fachspezifischen Problematik vertrauter sind, als es Fakultätskollegen häufig sein können. Was mir an dem Brief von Boesch interessanter zu sein scheint, ist die emotionale Argumentation. Die Selbstverständlichkeit, mit der zwei Namen, nämlich der von Karl Marx und der von Sigmund Freud, für eine Forschungsfreiheit bemüht werden, die doch gerade diesen beiden Männern niemals gewährt wurde. Man mag den Fall Marx wegen der politischen Aktivität des Wissenschaftlers als einen Sonderfall betrachten. Aber Sigmund Freud, der einmal, an C. G. Jung schrieb, "wir sind nicht die ersten, die warten müssen, bis man ihre Sprache zu verstehen beginnt", lebte und arbeitete unter einer Verfemung durch die ordentlichen Fakultäten, erwarb Forschungsmittel weitgehend durch private Praxis und wurde in seiner Heimatstadt Wien nie ein gesicherter Ordinarius.

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Man mag über die wissenschaftlichen Folgen des Ansturmes der Gesellschaft auf den Elfenbeinturm der Wissenschaften verschiedener Auffassung sein; man mag die Hochschulgesetze mancher Länder in Einzelheiten oder im Ganzen verwerfen: Die Debatte über die Freiheit der Wissenschaft wäre leichter zu führen, wenn die Kritiker der Reformbewegung die heutige Lage (und ihre historischen Ursprünge) nüchterner sehen würden. Wenn ein Politologe aus München den Bund Freiheit der Wissenschaft anführt, die Demokratisierungsbestrebungen im Forschungsbereich mit mittelalterlichen Konzilsentscheidungen über die wahre Wissenschaft vergleicht – da fragt man doch wohl mit Recht: hat man ihn auch gehört, als bayerische Berufungsentscheidungen von der Öffentlichkeit wegen ihres Konfessionalismus und politischen Opportunismus heftig kritisiert wurden?

Im Namen der Freiheit von Forschung und Lehre trat ja auch Windthorst 1875 in einer Debatte Theodor Mommsen entgegen, als dieser ein Stipendium für Privatdozenten und junge Gelehrte (auf eine beschränkte Zeit von vier Jahren) vertrat. Windthorst sagte: "Die deutsche Wissenschaft und die deutsche Universität ist deshalb in so hohem Ansehen, weil die Unabhängigkeit der Gesinnung und die Festigkeit des Charakters durch dieselbe entwickelt worden ist. Wenn jetzt ein solches Heer von.... Privatdozenten angestellt wird ..., so müssen sie nach der Pfeife tanzen, die ihnen vorgepfiffen wird...." Deutlicher kann man den kapitalistischen Unterbau des klassischen Universitätssystems wohl kaum beschreiben: Die Freiheit zu forschen sollte in erster Linie denjenigen zur Verfügung stehen, die "wirtschaftlich unabhängig waren", die es sich also finanziell leisten konnten, die Durststrecke vom Privatdozenten zum Ordinarius durchzustehen.