Widerstand wider Willen

Von Ger van Roon

Unter den Geschichtsschreibern des Kirchenkampfes im nationalsozialistischen Deutschland ist eine Generation nachgewachsen, die das herkömmliche Geschichtsbild in Frage stellt und mit neuen Fragen zu neuen, nicht immer erfreulichen Erkenntnissen gelangt. Ein anschauliches Beispiel dieser Revision ist das Buch eines Engländers

John S. Conway: "Die nationalsozialistische Kirchenpolitik 1933–1945. Ihre Ziele, Widersprüche und Fehlschläge"; aus dem Englischen von Carsten Nicolaisen; Chr. Kaiser Verlag, München 1969; 383 S. (mit Dokumenten), geh. 32,– DM, Ln. 35,– DM.

Conway, Historiker an der Universität von British Columbia in Vancouver, will den Kirchenkampf nicht zu isoliert betrachtet wissen, sondern als ein Glied in der Kette der nationalsozialistischen Revolution. Die Haltung der verschiedenen Instanzen des Staates und der Partei zu den Kirchen war viel komplexer, als man bisher angenommen hat. Auch macht er auf Wandlungen der Kirchenpolitik aufmerksam. Obschon Hitler das Christentum in Deutschland ausrotten wollte, hat er sich doch nicht von den Extremisten in der Partei zu übereilten Schritten verleiten lassen, sondern seine Handlungen allein von – politischem .Opportunismus bestimmen lassen. Er benutzte die Kirchen für seine politische Erneuerungsbewegung und für seinen antikommunistischen Kreuzzug, dämmte jedoch zugleich ihren Einfluß ein. Diese Mitarbeit der Kirchen wird meistens in den Darstellungen des Kirchenkampfes verschwiegen.

Es erweist sich als Vorteil, daß Conway beide großen Kirchen, die katholische und die evangelische, behandelt. Wesentliche Unterschiede freilich sollte man nicht verharmlosen. Die nationalsozialistischen Führer beurteilten die katholische: Kirche weitaus negativer als die evangelische. Der Katholizismus galt neben Judentum und Marxismus als Hauptfeind der nationalsozialistischen Weltanschauung.

Der evangelische Kirchenkampf begann als Protest gegen die Gleichschaltung der Kirche. Nach den Phasen der Märtyrerverehrung und der Polemik möchte Conway den Kirchenkampf "entmythologisieren". Denn es handelte sich weniger: um eine Auseinandersetzung zwischen Kirche und Staat als vielmehr zwischen Gruppen innerhalb der Kirche. Die Mehrzahl der Geistlichen verhielt sich neutral und passiv, die Kirchen haben, mehr geschwiegen als gesprochen. Sie waren keine Widerstandszentren gegen die Diktatur. Stattdessen, hat es einen Prozeß der Anpassung und der Kompromißbereitschaft ge- – geben. begrenzte Erfolge im Kirchenkampf verdankte die Kirche weniger der heroischen Verteidigung ihres Glaubens als vielmehr den Zwistigkeiten unter ihren Feinden.

Warum war der Widerstand der Kirchen so gering? Conway nennt als Gründe die pietistische Tradition, die Obrigkeitsgläubigkeit, die Sympathie mancher Kirchenführer für den Nationalsozialismus und die konservative Orientierung, der Kirchen. Als Ergebnis des Kirchenkampfes wertet er das Wiedererwachen der Kirche. Neben verhängnisvollen Schwächen hat sich auch unerwartete Widerstandskraft offenbart.

Widerstand wider Willen

Dieser wichtige Beitrag zur Geschichte des Kirchenkampfes ist freilich in theologischen und ideologischen Fragen etwas schwach. Bedauerlicherweise ist die von Conway übernommene Bewertung, des Kreisauer Kreises mitsamt einigen Unrichtigkeiten in der deutschen Ausgabe nicht, mehr korrigiert worden.

Eine Lücke in der Geschichtsschreibung füllt

Armin Boyens’: "Kirchenkampf und Ökumene 1933–1939. Darstellung und Dokumentation"; Chr. Kaiser Verlag, München 1969; 486 S. (mit Dokumenten), geh. 32,–DM, Ln. 36,– DM.

Der Verfasser, dessen Arbeit von der Stiftung Volkswagenwerk finanziert wurde, war mehrere Jahre Exekutivsekretär in der Genfer Zentrale des ökumenischen Rates der Kirchen – und ist heute als Studiensekretär in Frankfurt tätig. Er untersucht das Verhältnis von Ökumene und Kirchenkampf, der – nach den Worten Bonhoeffers – die zweite große Etappe der ökumenischen Bewegung gewesen ist. Das Buch erzählt von Scheidung und Sammlung (Scheidung innerhalb der Ökumene und innerhalb der Bekennenden Kirche, aber auch zwischen beiden). Daneben wuchs aber das Bewußtsein der Gemeinsamkeit.

Die Judenfrage brachte als erste die Scheidung ans Licht. Im Gegensatz zur Bekennenden Kirche protestierte die Ökumene nicht erst, als der sogenannte Arierparagraph in die Kirche eingeführt wurde, sondern bereits, als der Staat die Juden zu verfolgen begann. 1933 war es die Stockholmer Bewegung, die sich als einzige ökumenische Organisation der Judenfrage angenommen hat.. Dabei wurde die Ökumene auf das Schweigen der deutschen Christenheit aufmerksam. Mehrere Proteste aus der Ökumene verfehlten nicht ihre Wirkung, besonders dank der unermüdlichen Tätigkeit und der Diplomatie Bischof Bells.

Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer stellten die Ökumene vor die Entscheidung zwischen wahrer und falscher Kirche. Während jedoch die Stockholmer Bewegung unter Bischof Bell in Fano Vertreter der Bekennenden Kirche als Ratsmitglieder kooptierte, erkannte die Lausanner Bewegung die regimetreue Reichskirche an.

Stark gefördert von der Entwicklung in Deutschland, entspann sich in der Ökumene eine Diskussion über das Verhältnis von Kirche und Staat, und über den "totalen Staat". Ihren Höhepunkt erreichte diese Auseinandersetzung auf der Oxforder Weltkonferenz. Ausführlich erörtert Boyens hier und an anderen Stellen die Aktivitäten des "obrigkeitsgläubigen" Reichskirchlichen Außenamts.

Widerstand wider Willen

Boyens bestätigt, daß die Haltung der Bekennenden Kirchen ein "Widerstand wider Willen" gewesen ist. Immer haben sich nur einzelne Gemeinden, Gruppen und Glieder passiv oder auch offen dem Übergriff des Staates und seiner Ideologien widersetzt. "Die Tatsachen verbieten es, sich irgendwelchen Illusionen über die Haltung der Bekennenden Kirche als ganzer, im Widerstand hinzugeben", fügt der Verfasser hinzu.

Eine stattliche Zahl Dokumente werden im Anhang dieser bedeutenden Arbeit veröffentlicht; den angekündigten Band über die Kriegsjahre darf man mit einiger Spannung erwarten.

Die Barmer Theologische Erklärung wird zu Recht als einer der Höhepunkte des Kirchenkampfes bezeichnet. Sie wird nun wieder in die Erinnerung gerufen durch Ernst Wolf: "Barmen. Kirche zwischen Versuchung und Gnade"; Chr. Kaiser Verlag, München 1970; 2. erw. Auflage; 182 S., 15,– DM.

Der Verfasser, mit der Geschichte und der Geschichtsschreibung des Kirchenkampfes eng verbunden, will die Sätze, jener Erklärung in dem größeren Zusammenhang der inneren Wandlung und der selbstkritischen Besinnung des deutschen Protestantismus begreifen: es scheint ihm weithin gelungen zu sein. Barmen ist für Wolf kein beliebig verfügbarer Besitz der Kirche, sondern ein Erbe, ein "Ruf nach vorwärts", dem gehorcht und der getan werden will.

Der Verfasser des Handbuches über den Kirchenkampf hat zum selben Thema eigene Aufsätze und Vorträge gesammelt –

Wilhelm Niemöller: "Wort und Tat im Kirchenkampf. Beiträge zur neuesten Kirchengeschichte"; Chr. Kaiser Verlag, München 1969; 403 S., 20,– DM

– die von "innen heraus" geschrieben sind und ein lebendiges Bild vom Kampf der Bekennenden Kirche vermitteln. Niemöller schont sie nicht, arbeitet in der Darstellung aber manchmal mehr mit Kontrasten als mit Nuancen. Zu Recht betont er die Bedeutung Karl Barths für den Kirchenkampf.