Von Alex Natan

Es ist erstaunlich, daß es noch immer, hochgestellte Funktionäre in fast allen Zweigen der internationalen. Sportbewegung gibt, die nicht nur an die Existenz des Amateurgedankens glauben, sondern ihn auch bei jeder passenden und meist unpassenden Gelegenheit lauthals verkünden. In England ist jetzt eine Veröffentlichung erschienen, die den Beweis antritt, daß die dortige Industrie jährlich allein fünf Millionen Pfund ausgibt, um eine Reihe von Amateursportarten am Leben zu erhalten. Sie tritt als "Sponsor" auf, macht Reklame für ihre Produkte und hofft, durch die "Pumpaktion" erhöhte Jahresverdienste einstreichen zu können.

In diesem Bericht konnte man die ironische Feststellung lesen, daß die beste Aktion, die jemals eine Regierung für den Sport in die Wege geleitet hätte, jenes Verbot gewesen sei, das die Zigarettenreklame von der Mattscheibe des Fernsehens verbannte. Dieser Reklamegelegenheit beraubt, hat die englische Tabakindustrie ausreichenden Ersatz in den Sportstätten gefunden, obwohl die Regierung einen aufklärenden Feldzug über die Ursachen des Lungenkrebses führt. So hat Imperial Tobaco allein 75 000 Pfund Sterling für ein Golfturnier ausgegeben, eine Summe, die Weltmeister Tony Jacklin mit den Worten kommentierte: "Aus purem Wohlwollen tun wir niemand einen Gefallen!" Die gleiche Gesellschaft finanzierte aber auch Schäferhund-Wettbewerbe, Rennen mit alten Serienwagen, Cricket, Pferderennen und Luftakrobatik. Die große Konkurrenz im Tabakgeschäft – W. D.&H. O. Wills – haben über 100 000 Pfund als Sponsor ausgegeben, denen eine Reihe anderer Gesellschaften folgt.

"Sponsorschaft" von Sportereignissen durch die Industrie ist dabei gar keine Neuerscheinung. Bereits vor 70 Jahren wurde Golf von den "News of the World" finanziell gefördert. Die Brauereiindustrie hat Pferderennen auf vielen kleinen Rennplätzen möglich gemacht. Heute ist indessen die finanzielle Sporthilfe zu einem großen Geschäft der Industrie geworden. Der ehemalige Sportminister der Labourregierung, Denis Howell, leitet heute die führende Agentur für Sportsponsorschaft und ist der Meinung, daß sich deren Umsatz in den letzten drei Jahren verzehnfacht hat. Der Tennisverband hat sich sogar einen eigenen Public Relations Officer verpflichtet, dessen Aufgabe darin besteht, zu entscheiden, welche Turniere Sponsorschaft verdienen und welche unberücksichtigt bleiben sollen. Durch diese Ratschläge wurden über eine viertel Million Pfund an Reklamegeldern für den Tennissport flüssig gemacht.

Die Leichtathletik ist überschuldet. Selbst Länderkämpfe vermögen nur einige hundert Zuschauer in ein Stadion zu locken, das für Zehntausende gebaut wurde. Industriefirmen dürfen indessen Reklame machen. Die Pachtsumme, die jährlich gezahlt wird, hat bisher den Athletikverband vor dem Konkurs gerettet. Selbst der Spitzenfußball, der finanziell noch in einer günstigen Lage ist, verhält sich nicht länger mehr immun, wenn er die pralle Brieftasche eines willfährigen Sponsors sieht, der (Watney and Ford) im vergangenen Jahr bereits 250 000 Pfund zahlen durfte.

Selbst Cricket wäre längst bankrott gegangen, würden Gillette (Rasierklingen) und Players (Zigaretten) nicht jährlich bis zu 100 000 Pfund zahlen und damit Sonntagswettkämpfe bestreiten, die ein ganz neues Publikum anzulocken verstehen. Der Turf kann sich auf mehr Sponsors als irgendein anderer Sportzweig verlassen. Selbst wenn hier die Industrie 6,13 Prozent aller Flach- und 8,93 Prozent aller Hürdenrennen finanziert hat, so sind diese Summen längst nicht mehr ausreichend, weil mehr und mehr Rennställe auf französischen Rennbahnen zu sehen sind, die ihre Rennen wesentlich höher dotieren. Hier liegt ja auch schließlich der Anlaß für die Abwanderung so manchen deutschen Rennstalls.

Was die Industrie für Reklamezwecke in Motorrennen investiert, bleibt ein Geheimnis. Es besteht nur aller Anlaß anzunehmen, daß seinen Abarten mehr Geld zur Verfügung steht als allen anderen Sportzweigen. Mit Rücksicht auf die Steuer läßt sich diese Art der Reklamefinanzierung nicht genau in Zahlen ausdrücken. Doch dürften mindestens fünf Millionen Pfund im vergangenen Jahr ausgeworfen worden sein, um den englischen Sport am Leben zu halten. Dabei bleibt es überraschend, wie weit diese Sponsorschaft gehen kann. Viele Brauereien finanzieren heute den Angelsport, einfach, weil sehr viele Angelvereinigungen in kleinen Restaurants an Flußufern ihr Standquartier besitzen. Eine Brauerei, die Lagerbier braut, hat durch ihre Reklamestiftungen das Sechs-Tage-Rennen wieder zum sportlichen Leben erwachen lassen, das längst verstorben und vergessen war. Eine berühmte Whisky-Firma besitzt heute ein Monopol in der Finanzierung von Segelregatten.