Es ist das Vorrecht des Menschen, der zur Reife seiner Fähigkeiten gelangt ist, die Ergebnisse seines persönlichen Erlebens nach seinem Belieben auszulegen und sie so zu gebrauchen, wie er sie versteht. John Stuart Mill

Aktion Sauberer Bildschirm

Sie verstehen sich durch ihre monatliche Gebühr als "Aktionäre der Anstalten" und wollen "dem Fernsehen den Geldhahn abdrehen", wenn es nicht kuscht; sie rufen nach dem Privaten Fernsehen und zetern über "Verantwortungslosigkeit und üble Machenschaften bei der Gestaltung des Programms". Nach eigenen Angaben sind schon etwa 100 000 verärgerte Zuschauer der Interessenvertretung "Funk- und Fernsehmitgestaltung" beigetreten, die im Frühjahr in Köln gegründet wurde und Anfang des Monats in Oberhausen beschloß, den sowieso "völlig sinnlosen" passiven Widerstand aufzugeben. Was sie in einer Resolution an Ministerpräsident Kühn unter anderem fordern: "Mitspracherecht in den Rundfunkräten der Länder", eine Unterbindung des politischen Engagements der Programmacher, eine "unparteiliche und wahrhaftige Nachrichtengebung", kurz "eine grundsätzliche Reform des Fernsehens an Haupt und Gliedern". Durch seinen Jargon verrät der Klub der Erbosten seine politischen Intentionen selbst: Sie wollen "ein einwandfreies Programm" und "absolut saubere" Sendungen, denn: "Der Rundfunk verseucht, unsere Jugend!"

Portier Krause verteidigt sich

In seiner Besprechung von Hildegard Knefs Buch "Der geschenkte Gaul" war der Rezensent der Süddeutschen Zeitung, Herbert Rosendorfer, zu dem Schluß gekommen, daß er die Knef nicht zwischen Klopstock und Annette Kolb ins Bücherregal stellen könne und das Buch deshalb seinem Portier schenken wolle. Der Journalist Hanns Ferdinand Döbler lieh daraufhin Portier Otto Krause seine Stimme und schrieb: "Und frage ick mir doch nach dem Weltbild von einem jebildeten Mann, diesem Denkmal wildjewordener deutscher Arroganz, wa?... Nu habe ick also die Knef jelesen, und ick stelle fest, der Rosendorfer hat vielleicht in dem Buch jeschnüffelt, abers jelesen hat der det nich, bloß sein Beinchen jehoben, ha ick sage ja nischt. Nämlich wenn der det jelesen hätte, denn wäre det selbst ihm uffjejangen, det die Knef janz patent ist, wa, und ne Menge Courage hat und janz jut beobachtet: Allerdings bloß die Monroe, die Garbo und den Eric Pommer – mit Joethen is se nu man nich zusammenjekommen, wa?"

Chruschtschow im Zwielicht

Der Sachverhalt ist zunächst ganz einfach: Am 13. März 1971 kommen im Rowohlt-Verlag in Reinbek die Memoiren Nikita Sergejewitsch Chruschtschows heraus. Die deutsche Übersetzung wird rund 700 Seiten umfassen. Aber das ist, versteht sich, zu simpel, um a) den Tatsachen zu entsprechen, oder b) der Neigung des Westens Rechnung zu tragen, manchen Buchschicksalen aus dem Osten eine tüchtige Prise politischen hautgouts beizugeben, oder c) den Interessen der Verleger zu dienen, die eine Mystifizierung zur Steigerung der Publicity nicht ungern sehen. In einer Meldung (Associated Press) wird mit konsternierender Banalität und schwer zu widerlegender Logik von einem "kürzlich in den Westen gelangten Manuskript" gesprochen (sicherlich: hierher gelangt muß es wohl schon sein, um hier publiziert zu werden). In anderen Meldungen wird der publicity-trächtige Zweifel gesät: Die Authentizität wird in einem Atemzuge (von wem?) angezweifelt und der Zweifel von Experten (Crankshaw) als unbegründet hingestellt. Ein solches "Anheizen" des Interesses sollte überflüssig sein: Was Chruschtschow mitzuteilen hat, kann nicht uninteressant sein. Das amerikanische Magazin Life und die deutsche Illustrierte stern werden aus dem Buch Vorabdrucke bringen.