Achtzig Hotelportiers, Mitglieder der Vereinigung "Goldener Schlüssel", Spitzenleute ihrer Branche, sind auf ihrer Tagung in Hamburg zu dem Schluß gekommen: "Den Beruf eines Hotelportiers kann man nicht erlernen; man muß dazu geboren sein." Ich habe das gleiche schon immer von unserem journalistischen Beruf behauptet – Ärzte, Handelsvertreter, Philosophen, Schneider, Berufspolitiker, Drucker und so werter sagen das auch. Mit Recht.

Gibt es überhaupt einen Beruf, zu dem man nicht geboren sein muß? Im wörtlichen Sinne natürlich keinen; denn für einen Ungeborenen ist es schwierig, beruflich tätig zu werden. Die Metapher ist aber allgemein verständlich; es handelt sich nicht um die Geburt selbst, sondern um eingeborene Fähigkeiten, um die Berufung. Die simpelste Wortanalyse zeigt wiederum die enge Verwandtschaft zwischen "Berufung" und "Beruf". Trotzdem gibt es Berufe, für die man nicht geboren worden ist. Es ist nicht anzunehmen, daß jemand zum Müllabfuhrmann oder zur Toilettenfrau geboren ist. Das sind also Berufe, die man erlernen kann. Genauso wie die Berufe eines Astronauten, Computerprogrammierers oder Herzverpflanzers – niemand konnte doch für einen Beruf geboren werden, der zu der Zeit seiner Geburt noch gar nicht existierte; es sei denn, er hatte sehr fortschrittliche und voraussehende Eltern.

Das Problem des Geborenseins ist nicht so klar, wie es im ersten Augenblick aussieht.

Erstens: Obwohl niemand die volle Sicherheit hat, daß sein Beruf zu erlernen ist, muß er ihn zu erlernen versuchen. Die Berufung allein kann vielleicht nur für den Berufsweg eines Heiligen ausreichen. Alle anderen müssen eine berufliche Ausbildung haben; und hat man dann keine Erfolge, so bleibt man bis zum Lebensende in Ungewißheit, ob man schlecht gelernt oder ob man einen Beruf gewählt hat, für den man nicht geboren sei.

Zweitens: Das Niveau der Leistungen auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit zeigt, daß man in dieser Hinsicht mit sehr vielen Fehl- und Mißgeburten rechnen muß.

Drittens: Das Schlimmste ist, daß man erst nach dem Tode eines Menschen feststellen kann (und das auch nicht mit Sicherheit), ob er für seinen Beruf berufen war. Der Erfolg allein ist noch kein endgültiger Beweis. Zum Beispiel könnte jemand ein ausgezeichneter Staatsmann sein; das bedeutet aber nicht, daß er als Chemiker oder Metzger nicht viel mehr für die Menschheit getan und viel mehr Vergnügen davon gehabt hätte.

Und da man die richtige Berufung fast nie schon in der Kindheit erkennen kann, werden aus geborenen Ministern Versicherungsagenten, aus geborenen Philosophen Schuster, aus geborenen Lehrern Zirkusdompteure und umgekehrt.