Von Werner Adam

Dacca, im November

Im Golf von Bengalen dauert das Sterben an. Diejenigen, die der Sintflut entkommen sind, sehen sich von Hunger und Seuchen bedroht. Notstandshelfer, die nur allmählich zu den schwer zugänglichen Inseln des Todes vorzudringen vermögen, bitten um Gasmasken. Der Geruch der Verwesung läßt sie zurückschrecken. Jene Menschen aber, die zwischen Toten und Tierkadavern auf Rettung warten, scheinen den Leichengestank kaum mehr wahrzunehmen. In stummer Verzweiflung starren sie vor sich hin – Opfer menschlicher Ohnmacht gegenüber den entfesselten Naturgewalten, die der pakistanische Präsident Yahya Khan mit den Worten umschrieb: "Gegen Überschwemmungen mögen wir uns eines Tages schützen können, doch bei Zyklonen und Sturmfluten. bleibt uns nichts anderes, als zu beten."

Doch auch der asiatische Fatalismus hat seine Grenzen. "Beten?" fragt ein Lehrer, der sich während der Katastrophe in der ostpakistanischen Hauptstadt Dacca aufgehalten hatte und auf der Insel Bhola seine elfköpfige Familie verlor. "Beten? Wozu? Allah hat uns verlassen."

Erst zwei Wochen nach der Tragödie beginnt sich das Bild des Grauens in seinen apokalyptischen Details abzuzeichnen. Dabei wird immer deutlicher, daß die Zahl der Todesopfer dieursprünglichen Schätzungen offenbar weit übertrifft. Die Ostpakistanischen Behörden, die in ihren Angaben zunächst äußerst zurückhaltend waren, schlossen sich inzwischen den düsteren Prophezeiungen der Presse des Landes an. Deren Vermutung, es könnten bis zu einer Million Menschen umgekommen sein, so räumen offizielle Stellen nunmehr ein, sei vermutlich keine Sensationshascherei gewesen.

Wer könnte auch an Sensationsmache denken, wo die Vorstellungskraft ohnehin kaum ausreicht, um die Bilder des Schreckens in ihrem ganzen Ausmaß zu erfassen. Im Deltagebiet Ostpakistans, wo sich Ganges, Brahmaputra und Meghna in den Golf von Bengalen ergießen und zahllose kleine Inseln angeschwemmt haben, herrschen Not und nackte Verzweiflung. Die, Leiber toter Kühe und Rinder türmen sich zu Hunderten. Dazwischen liegen immer wieder verkrümmte menschliche Gestalten, die schon so weit verwest sind, daß die Überlebenden sie nicht mehr begraben können. Am schlimmsten ist es auf der Insel Bhola. Hier, wo allein über hunderttausend Menschen umkamen, grassiert die Cholera. Das Trinkwasser ist verseucht, die Hütten sind weggefegt worden, die Zerstörung ist vollkommen.

Der einzige Lichtblick in diesem Grauen sind die spontanen Reaktionen vieler Länder von China bis Amerika auf die vermutlich folgenschwerste Naturkatastrophe der Neuzeit. In Dacca und der Hafenstadt Chitagong landeten in den letzten Tagen pausenlos fremde Militär- und Zivilmaschinen mit Decken, Zelten und Medikamenten. Dabei zeigte sich allerdings, daß globale Anteilnahme allein noch nicht ausreicht, um die Not zu lindern. Auf den Landeplätzen und in den Häfen stapeln sich die Hilfssendungen – in die eigentlichen Notstandsgebiete gelangen sie nur im Schneckentempo.