Großbirkach

An diesem trüben Sonntagnachmittag halten die Höhen des Steigerwaldes die Regenwolken fest. Kalter Wind trägt schwere Tropfen herab in die Täler. Gleich hinter dem Ortsschild stehen reglos zwei Jungen und blicken auf die gewundene Straße. Großbirkach im fränkischen Landkreis Bamberg ist das Dorf, das "mit der Sünde leben" muß: jeder zweite Großbirkacher wählte 1966 NPD. Das Dorf setzte sich mit diesem Ergebnis damals an die Spitze aller bayerischen Gemeinden (ZEIT-magazin vom 20. November 1970).

Am Wahlnachmittag ist es um fünf Uhr schon fast dunkel in Großbirkach. Nur vereinzelt sieht man Plakate der Parteien; die saubere, glückliche NPD-Mutter mit Kind dominiert keineswegs. Der pfeifende Wind erfaßt ein halb vom bröckeligen Putz gerissenes Plakat. In dem stillen, menschenleeren Dorf wirken die bunten Verheißungen auf ein besseres Leben grotesk und sinnlos. Wofür haben sich die 94 wahlberechtigten Dörfler diesmal entschieden? Gibt es überhaupt etwas, wofür sie sich entscheiden können?

Vor dem Gasthof Link liegt ein großer Haufen Futterrüben, drinnen in der Wirtsstube sind nur drei Gäste. Kaum 60 Kilometer von meinem Geburtsort entfernt fühle ich mich so fremd wie auf dem Mars. Ich würde am liebsten gleich erklären, warum ich hierhergekommen bin, um den stummen Fragen zu begegnen. Aus der Musikbox dröhnten Heintje, Märsche und Schnulzen. Bauer Willi Linz hat sich nicht die Mühe gemacht, sich für den Sonntag umzuziehen. In Gummistiefeln steht er am "Kicker" und spielt Tischfußball gegen die anderen beiden. Später unterhält man sich. Gastwirt Karl Link war "in der Zeitung". Aber niemand hat die Zeitung gesehen. Es wird mehr im Ton einer Legende erzählt. Wer könnte sich schon für Großbirkach interessieren? Im Lokalblatt Fränkischer Tag wird es selten genug erwähnt.

Aus der Schule dringt spärliches Licht. Kurz vor 18 Uhr wartet man nur auf die Auszählung, 66 von 94 Großbirkachern haben ihre Kreuze gesetzt, von einem Recht Gebrauch gemacht, das ihnen wenig bedeutet. In den meisten bayerischen Dörfern trifft man sich jetzt nach der Wahl im Wirtshaus, um die Ergebnisse zu hören, Karten zu spielen, Bier zu trinken, zu diskutieren.

Als ich gegen sieben Uhr zum Gasthof Link zurückkomme, ist alles dunkel. Das Dorf liegt wie ausgestorben. Die Großbirkacher haben gewählt: 50 die CSU, 13 die NPD, 2 die SPD. Einer die Bayernpartei. Dann sind sie zu Bett gegangen. Unmut, Ärger und Resignation sind nicht an die NPD gebunden.

Ob ihre Willensentscheidung von den übrigen Wählern in Bayern geteilt wird, ist ihnen gleichgültig. Die Großbirkacher dokumentieren es mit ihrer Abstinenz von Fernsehgerät und Wirtshaustisch. Aus der Dunkelheit hinter der Straßenbiegung taucht die Lichterkette der Autobahnen wie ein fernes, belebtes Gestade auf.

Reiner Weiß