Die gesamte Prominenz der deutschen Segelflieger war am vorletzten Wochenende beim Deutschen Segelfliegertag des Deutschen Aero-Clubs (DAeC) in Hamburg versammelt. Von Hanna Reitsch, die schon 1932 ihren ersten Weltrekord flog und in diesem Jahr erneut mit einer Rekordleistung den deutschen Segelflugwettbewerb gewann, über die früheren Weltmeister Ernst Günter Haase und Heinz Huth, die Weltrekordflieger Klaus Holighaus, Gerhard Waibel und Hans-Werner Grosse bis zum diesjährigen Weltmeister Helmut Reichmann waren alle gekommen, um die Probleme ihres Sports zu diskutieren.

Problem Nummer eins ist die zunehmende Einengung des Luftraums für Segelflieger durch den von Jahr zu Jahr stärker werdenden zivilen und militärischen Luftverkehr und die dadurch notwendigen Flugsicherheitsbestimmungen. Zweitens wünschen die "lautlosen Flieger" eine größere Selbständigkeit im DAeC, damit sie ihre Interessen besser vertreten können, und drittens diskutierte man über einen neuen Modus bei den Wettbewerben, durch den die (billigeren) Flugzeuge mit geringerer Spannweite mit den größeren (und teureren) Super-Orchideen von großer Spannweite und entsprechend besserem Gleitwinkel unter annähernd gleichen Bedingungen konkurrieren können.

Daneben gab es noch viele andere Fragen, über die drei Tage lang diskutiert wurde. Die Ergebnisse wurden als Empfehlungen an den DAeC weitergeleitet, denn beschließen können die Segelflieger nichts, weil sie bislang – ebenso wie die Motorflieger, Modellflieger, Ballonfahrer und Fallschirmsportler – keine selbständige Sparte innerhalb des DAeC bilden, der den gesamten Luftsport beim Internationalen Luftfahrt-Verband (FAI) vertritt. Die Pläne für eine Umwandlung des DAeC in eine Dachorganisation werden daher von den Segelfliegern unterstützt.

Die 25 000 deutschen Segelflieger führen zwar nicht gerade ein Schattendasein, aber von der Öffentlichkeit werden sie wenig beachtet – und sie tun eigentlich auch wenig, daß sich dies ändert. Dabei brauchten sie ihr Licht durchaus nicht unter den Scheffel zu stellen, denn sie gehören international zu Deutschlands erfolgreichsten Sportlern. 1970 waren sie beispielsweise gegen stärkste internationale Konkurrenz erfolgreicher als die Fußballspieler, von denen dauernd alle Zeitungen voll sind. Bei den Weltmeisterschaften in Marfa (Texas) wurde der 28 Jahre alte Esslinger Studienassessor Helmut Reichmann Weltmeister in der Standardklasse und der 47 Jahre alte Lübecker Textilkaufmann Hans-Werner Grosse Vizeweltmeister in der offenen Klasse. Dazu gab es noch zwei sechste Plätze durch Gerhard Waibel (Standard) und Walter Neubert (offene Klasse). Zusammen bildeten diese vier die erfolgreichste Mannschaft in Marfa. Schließlich wurden in diesem Jahr noch mehrere Weltrekorde aufgestellt: durch Grosse (1031 km Zielstrecke), Klaus Holighaus und Neubert (500 km Dreiecksflüge). Daneben gab es noch eine ganze Reihe erstaunlicher deutscher Rekorde, unter anderem durch die Altmeisterin Hanna Reitsch, den Kölner Dr. Wolfgang Groß, den Frankfurter Studenten Jochen von Kalckreuth und die fliegende Sekretärin Marianne Deutschmann.

In der Öffentlichkeit wurden alle diese Leistungen jedoch kaum beachtet, und fast scheint es auch, als ob die Segelflieger wenig Wert auf Publicity legten. Sie sind Idealisten und reine Amateure, kennen keine Zuschauer und keinen Beifall und leben auch abseits von den großen Geldtöpfen, aus denen der deutsche Sport ansonsten gepäppelt wird.

"Meine Weltmeisterschaft hat mir nicht nur keinen Pfennig eingebracht, sondern ich habe sogar noch viel bares Geld zusetzen müssen, um überhaupt an ihr teilnehmen zu können", bekundete Weltmeister Helmut Reichmann bei einer Pressekonferenz. "Segelfliegen an sich ist zwar nicht teuer, aber als Hochleistungssport auch nicht billig. Wenn ich alles zusammenrechne, kostet mich mein Sport – vor allem durch die Überlandflüge und den Rücktransport des Flugzeugs – im Jahr rund 5000 Mark, obwohl ich nicht einmal ein eigenes Flugzeug besitze. Ich könnte mir auch keines leisten, denn ein moderner Hochleistungssegler kostet 25 000 bis 30 000 Mark."

"Segelfliegen erfreut sich nicht der Gunst öffentlicher Geldverteiler", erklärte Seff Kunz, der Vorsitzende der Segelflugkommission des DAeC, "wahrscheinlich, weil es kein olympischer Sport ist. 1936 gehörte es zwar als Vorführungswettbewerb zum Programm der Olympischen Spiele in Berlin, ich selbst habe damals daran teilgenommen, und 1937 beschloß daraufhin das Internationale Olympische Komitee (IOC) in Kairo, diesen schönen Sport voll in das olympische Programm aufzunehmen. Aber nach dem Kriege wurde er wieder eliminiert, und als jetzt der DAeC den Antrag stellte, für München 1972 das Segelfliegen wieder als Vorführungswettbewerb einer nationalen Sportart zuzulassen, wurde dies vom Organisationskomitee abgelehnt."