Die Krone der Schöpfung – das Schwein, der Mensch...

Ein Blick hinter die Kulissen der Geschichte, ein ungeschminktes Bild des Renaissance-Menschen, der so frei ist, Gott und Arschloch in einem Atemzug zu nennen, und dem das neue Schönheitsideal "scheißegal" ist, wenn er nur "den Schwanz in der Mitte" weiß – selbstverständlich vom Tripper befallen. Renovatio in einem Gestank wie von Pest und "tausend vollgeschissenen Latrinen", die Geburt des modernen Menschen in der Gosse des 16. Jahrhunderts, Leonardo da Vincis "Hölle für Päderasten und Sodomiten", wo niemand weiß, ob er lebt oder tot ist, Mensch oder Teufel, und wo allein der Schmerz das "ergo sum" noch rechtfertigt. Merke: Homo Universalis oder "bloß jener Sack", von dem Leonardo spricht, "der die Speisen aufnimmt und aus dem sie wieder herauskommen..."?

"Leonardos letztes Abendmahl" in Hamburg. Die Story: Familie Lasca, rechte Halsabschneider und Hurenböcke alle drei, mehr Abdecker als Beerdigungsunternehmer, hat sich die Leiche des großen, bei Cloux verstorbenen Leo unter den Nagel gerissen, um mit ihrer Überführung und Beisetzung endlich zu Geld und nach Florenz zu kommen. Aber der Tote wird wieder lebendig und quietschfidel, klönt ein bißchen mit diesen "verdorbenen und einfallsreichen Leuten" über Gott und die Welt, Sex und Profit, wird von ihnen aber, als er sich nicht bereit erklärt, gemeinsam mit den Lascas aus dem "Wunder" seines Comebacks Kapital zu schlagen, ermordet. Dauer: Fünfundfünfzig Minuten.

Man kennt das ja – erst kommt das Fressen; und das Publikum hat selber, Schuld, wenn man ihm zumutet, alles zu verschlingen, was auf den Tisch kommt.

"Leonardos last supper." Mixed Pickles für Allesfresser vom Londoner Gastwirtssohn Peter Barnes, zu später Stunde im Hamburger Thalia-Theater angerichtet von Hans Dieter Lehmann, aufgetischt von Beck, Borek, Burian, Jarray und Sievers, die um ihren Job wirklich nicht zu beneiden sind, aber zu retten versuchten (besonders Vera Borek), was noch zu retten war – wenig genug also.

Ob nun ein besoffener Hasch-mich-Bubi kotzt, ob man nun, artig verdeckt von großen Leichentüchern, zum Koitus ansetzt, oder ob man sich in endlosen Vokabularvariationen aus dem Anal- und Genitalbereich ergeht – dieser (wirklich letzte) Imbiß blieb immer delektierbar und leicht verdaulich. Ein saft- und kraftloser Eintopf aus lachhaften Kalauern und lächerlichem Engagement, schale Kritik à la carte, Pseudo-Avantgardismus nach Art des Hauses. Nein: Wenn schon Gegensätze demonstriert werden sollen zur Renaissance der "parfümierten Handschuhe", dann bedarf es keines Suppenkaspers, sondern etwa eines Otto Muehl. Und schließlich: Himmel-Arsch-und-Zwirn-Renaissance schön und gut – aber was beweist das?

Man nehme also Generationskonflikt ("Ich hau ab, ihr Pißnelken!"), sex and crime, pervertiertes Christentum, Doppelmoral und Profitgier, rühre alles gut durch, schlage etwas Zeitbezug darunter und garniere mit dem Anspruch auf Entheroisierung und Demaskierung. Wohl bekommt.