Die Diskontsenkung um ein halbes Prozent hat weder auf dem Renten- noch auf dem Aktienmarkt Wunder bewirkt. Es kam zwar bei den festverzinslichen Papieren zu größeren Anlagekäufen, aber sensationelle Kurssteigerungen blieben aus. Sie wären auch nicht berechtigt, weil die Liquiditätsenge durch eine Diskontsenkung allein nicht beseitigt wird und weil ihr Einfluß auf den Kapitalzins so lange minimal bleiben muß, wie die Nachfrage nach Kapital eher noch zu als abnimmt.

Wenn wir im kommenden Jahr auf einen achtprozentigen Nominalzins zurückkommen, dann ist schon viel erreicht. Denn wir müssen davon ausgehen, daß der Kapitalbedarf der öffentlichen Hände im kommenden Jahr über die bisherigen Voranschläge weit hinausgehen wird, weil die Steuereinnahmen rascher schrumpfen, als noch vor einigen Monaten für möglich gehalten wurde. Dennoch scheint der Rat einiger Kreditinstitute richtig, Termineinlagen in Rentenpapiere zu tauschen.

Der Aktienindex der ZEIT-Wirtschaftswoche Ist inzwischen auf den Jahrestief stand vom Mai zurückgefallen. Die leibhaften Umsätze der letztenBörsentage lassen nur den Schluß zu, daß nun wieder größere Anleger, wahrscheinlich auch Investment-Fonds, deutsche Aktien auf den Markt werfen. Das hängt sicherlich zum Teil mit den Kapitalerhöhungen bei Bayer und BASF zusammen. Das Bayer-Bezugsrecht hat seinen Wert innerhalb der Notierungsfrist nahezu halbiert. Diese Entwicklung kam nicht unerwartet, denn die Kreditinstitute hatten nicht genügend Zeit, ihre Kundschaft auf die Kapitalerhöhung vorzubereiten, zumal die ausländischen Bayer-Aktionäre nicht.

Wahrscheinlich wären die Bayer-Aktionäre bezugsfreudiger gewesen, wenn nicht unmittelbir nach Abschluß des Bayer-Bezugsrechthandels die BASF-Kapitalerhöhung folgen würde. Dank werden zu einem großen Teil die gleichen Anlegergruppen zur Kasse gebeten. Überdies werden die BASF-Aktionäre zum Bezug der jungen Aktien nicht gerade ermuntert, wenn sie jetze erfahren, daß die BASF den Bau des fast fertig gestellten – Werks zur Herstellung von jährlich-165 000 Tonnen Polystyren in Antwerpen suspendiert. Es sollte ursprünglich im Frühjahr 1971 den Betrieb aufnehmen. Jetzt weiß man aber, daß man . den Bedarf an Polystyren im nächsten Jahr mit den vorhandenen Anlagen in Ludwighafen decken kann. Eingemottete Anlagen sind nicht gerade ermutigend für die Aktionäre.

Unter Druck geraten sind jetzt auch die Aktien der Warenhäuser. Als die ersten Meldungen über Kurzarbeit großer Konzerne in die Börsensäle drangen, gab es Verkäufe an Warenhausaktien. Warum? Erstens können hier viele Anleger noch Kursgewinne realisieren, und zweitens zweifelt man daran, daß der Konsum"stoß" wirklich so stark sein wird, wie man sich bisher ausgerechnet hat, weil sich trotz der ungewöhnlich hohen Lohnerhöhungen auch im Bereich der Arbeitnehmereinkommen allmählich eine Abkühlung abzuzeichnen beginnt. "Viele Leute werden in diesem Winter mit der Nachricht, daß ihr Gehalt erhöht worden ist, zugleich ihre Kündigung erhalten", unkt man in den Börsensälen. K. W.