Die Konjunkturpropheten sind verunsichert: Das Wirtschaftswissenschaftliche Institut der Gewerkschaften (WWI) sieht bereits den Beginn der konjunkturellen Talfahrt und Arbeitslosigkeit für 1971 voraus. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) empfindet "Unbehagen" und hält das Wirtschaftswachstum für gefährdet. Bundeswirtschaftsminister Schiller hingegen beurteilt die Lage noch gelassen: Der konjunkturelle Abkühlungsprozeß soll nicht unterbrochen werden.

Jüngste Meldungen aus dem Bereich der Konsumgüterindustrie waren der Anlaß für die Worte zur wirtschaftlichen Lage. Einzelne Unternehmen vermeldeten fürs Jahresende Kurzarbeit. Und das, obwohl die letzte Lohnrunde die Geldbörsen der Arbeitnehmer beträchtlich gefüllt haben und das konsumträchtige Weihnachtsfest bevorsteht.

Hersteller von Farbfernsehgeräten waren die ersten: Der Großkonzern AEG-Telefunken kündigte für rund 7500 Lohnempfänger in fünf seiner Werke Kurzarbeit an. An elf Tagen im Dezember und an zehn Tagen im Januar soll nicht gearbeitet werden. Die Bosch-Tochter, die Blaupunkt-Werke GmbH, folgte. Im Bereich Fernsehen und Rundfunk soll im Dezember Kurzarbeit eingelegt werden,

Ähnliche Meldungen kamen aus Kornwestheim: Die Salamander AG muß kurztreten. Die rund 1200 Beschäftigten des Salamander-Werkes in Faurndau müssen zwei Wochen Zwangsurlaub machen. Und die Porzellanfabrik Christian Seitmann, Weiden, führte für 2000 Arbeitnehmer den "arbeitsfreien Mittwoch" ein.

Der Schwenninger Uhrenfabrikant Kienzle bescherte seinen 3000 Mitarbeitern unbezahlten Werksurlaub über Weihnachten und Neujahr. Die neueste Nachricht kam aus Hannover. Die Conti-Gummi-Werke AG muß in den kommenden Wochen rund 1400 Beschäftige kurzarbeiten lassen, um Absatzschwierigkeiten zu entgehen.

So unterschiedlich die betroffenen Branchen, so unterschiedlich sind auch die Ursachen. Während sich die Hersteller von Farbfernsehgeräten eindeutig bei ihren Absatzmöglichkeiten im In- und Ausland verschätzt hatten, gab die Salamander AG einen entgangenen sowjetischen Großauftrag als Hauptgrund für die Produktionsdrosselung an. Indes ließen auch die übrigen Auslandsaufträge in Folge der DM-Aufwertung zu wünschen übrig. Allgemeine Absatzschwierigkeiten führen die Continental-Gummi-Werke als Ursache für ihre Maßnahmen an.

Ob der Pfad ins Konjunkturtal bereits betreten wurde, mag noch bezweifelt werden. Bonns Wirtschaftsminister möchte die Konjunkturbremsen jedenfalls noch nicht lockern. Programme zur Belebung einer Flaute liegen indes in den Schubladen des Ministeriums griffbereit.

gf