Präsident Nixon hat zum zweitenmal in diesem Jahr den Krieg in Indochina eskaliert, weil sich die Militärs davon taktische Vorteile erhofften. Ebenso wie im Frühjahr bei dem Einfall nach Kambodscha, gab er am letzten Wochenende dem Drängen der Generäle nach und ließ eine, von langer Hand vorbereitete, Luftoffensive gegen Nordvietnam befehlen.

Mit gutem Recht hat der Guardian Nixons Entschluß als "kurzsichtig und töricht" verurteilt. Militärisches Denken droht seine Indochinapolitik zu überwuchern, die zwei Jahre nach seinem Amtsantritt Amerika dem Frieden noch nicht näher gebracht hat. Der Präsident will immer noch zwei unvereinbare Ziele gleichzeitig erreichen: die amerikanischen Truppen aus Südvietnam zurückziehen und trotzdem den Krieg gewinnen.

Die Begründung, die Washington für den zweitägigen Luftkrieg gegen Nordvietnam vorbrachte, klang wenig überzeugend und ließ sich auch nicht lange halten. Verteidigungsminister Laird berief sich auf eine stillschweigende Vereinbarung, die Präsident Johnson seinerzeit, als er den Bombenkrieg beendete, mit den Nordvietnamesen eingegangen sein will, die aber von Hanoi immerzu bestritten wurde. Die Amerikaner hatten sich das Recht zu Aufklärungsflügen über Nordvietnam vorbehalten; und angeblich hatte sich die andere Seite quasi verpflichtet, die offenen Städte in Südvietnam nicht mehr zu beschießen. Gegen beide Vereinbarungen sollen nun Nordvietnam und die NLF verstoßen haben. Mehrere Städte in Südvietnam wurden von (vereinzelten) Raketen getroffen, und über Nordvietnam wurde ein US-Aufklärer mit zwei Mann an Bord abgeschossen.

Schon die amtliche Mitteilung, ein "unbewaffnetes" Aufklärungsflugzeug sei getroffen worden, war von Heuchelei nicht frei. Denn diese Aufklärer werden jeweils von mindestens drei mit Raketen bewaffneten Düsenjägern begleitet. Das Mißverhältnis zwischen dem Anlaß – Abschuß eines Flugzeuges – und dem Ausmaß der sogenannten protective reaction strikes fiel auf. Mittlerweile hat sich auch herausgestellt, daß die amerikanische Luftoffensive nicht nur den nordvietnamesischen Luftabwehrstellungen galt, sondern vielmehr den Nachschublagern, aus denen die Truppen der NLF, Prinz Sihanuks und die nordvietnamesischen Regimenter in Kambodscha und Südvietnam versorgt werden. Der Zeitpunkt war günstig gewählt: Nach dem Ende der Regenzeit fließt der Nachschubverkehr immer besonders stark.

Einigermaßen peinlich für Washington war die Nachricht aus Hanoi, wonach dicht besiedelte Gebiete im Delta des Roten Flusses und sogar ein Kriegsgefangenenlager angegriffen worden seien. Vorgeblich richtete sich die Offensive nur gegen rein militärische Ziele unterhalb des 19. Breitengrades, also weit südlich von Hanoi und Haiphong. Nach einigen Tagen gab Laird zu, zur selben Zeit hätten amerikanische Streitkräfte in der Nähe von Hanoi ein Kommandounternehmen zur Befreiung von Kriegsgefangenen ausgeführt. Dies sei freilich die einzige Aktion nördlich des 19. Breitengrades gewesen; die Detonationen, die französische Reporter in der Nähe der Hauptstadt gehört hatten, seien, so Laird, durch nordvietnamesische Luftabwehrraketen verursacht worden, die gegen die einfliegenden Hubschrauber in niedriger Höhe abgefeuert wurden. Es dauerte aber nicht lange, bis ein französischer Journalist aus Hanoi berichtete, er habe in der Nähe der Stadt Teile von zwei Anti-Radar-Raketen gesehen, die unbestreitbar amerikanischen Ursprungs seien.

Die Militärs wollten den Nordvietnamesen einen Denkzettel verpassen, damit sie sich "an die Spielregeln halten", aber auch, um die Friedensgespräche in Paris ein bißchen auf Trab zu bringen. Damit wäre man also wieder bei der Weisheit Lyndon Johnsons angelangt, der den Feind an den Verhandlungstisch bomben wollte und darüber die Friedenschancen verpaßte. K.H.J.