Von Marie-Luise Scherer

Berlin

Nehmen wir als mittlere Frist die Zeit, in der man zwei Tassen Kaffee trinkt. Jeden oder fast jeden Tag zwei Tassen Kaffee in der Halle des Kempinski, des Hilton oder des Hotels X. Anlaß dieser Kaffeestunden ist irgendein Gast, den irgendein Anliegen in die Stadt führt. Und der Anlaß dazu, diesen Gast nach seinen Reisemotiven zu befragen, ist eine Kolumne in der Berliner Morgenpost: "Zu Besuch."

Manche Gäste meinen, man käme, um zu hören, daß Berlin eben doch Berlin sei – und sagen das dann auch. Das passiert bei solchen Leuten, die einen Namen haben und bei allen höflichen Leuten, die sich im voraus für die erwiesene Aufmerksamkeit dadurch bedanken, daß sie Berlin loben.

So empfand Alexandra Gallard-Prio aus Managua in Nicaragua Berlin als "city of flowers" und meinte damit die Balkone mit ihrer wuchernden Sommerbepflanzung. Außerdem glaubte er, auf den hiesigen Straßen eine Mischung von "Geschichte und Jugend" zu erkennen. Señor Gallard-Prio ist Public-Relations- Reisender für die feinen Exportgüter Nicaraguas – Zigarren, Rum und den großbohnigen Kaffee namens Matagalba.

Bei der Suche nach Prominenten oder interessanten Gästen können die Herren an der Hotel-Rezeption Hürde oder Hilfe sein. Meistens glauben sie, daß nur der Gast wichtig sei, dessen Namen schon eine gewisse Abnutzung im Fettdruck. der Zeitungen erfahren hat. Deshalb muß man den Personen, die von Interesse sein könnten, gleich negative Konturen geben: Marika Rökk soll es nicht sein. Denn Marika Rökk wiederholt die Metapher von damals: "Berlin und Champagner, das war für mich immer eins."

Besser sind die drei Lehrerinnen aus Detroit, die östlich von Detroit nur die Tempel Athens beeindrucken konnten. Sie reden auch in Berlin ganz pauschal von Deutschland: "Dieses Land ist so grün und so friedlich." Dieses Bild hat sich ihnen hinter dem Busfenster eingestellt. Daß sie im Kempinski wohnen, heißt nichts. In Hamburg wohnten sie auch im Atlantic. Und anderswo in einer Familienpension ohne Nachtglocke. Das sind eben die Empfehlungen, denen sie uneingeweiht folgen. Dafür nehmen sie hin und wieder ihr Abendessen auf öffentlichen Bänken ein. Dafür gehen sie dort, wo sie aussteigen, der Sache auf den Grund. Als Deutschland-Lektüre haben sie sich "Die Waffen von Krupp" eingepackt. Und für Paris haben sie nichts als üble Nachrede übrig: Schleppende Bedienung, versnobt und ignorant."