R. Z., Bonn, im November

Das Gespräch zwischen Bonn und Ostberlin beginnt wieder. Der Gedankenaustausch findet zunächst in kleiner Besetzung statt: Der Staatssekretär beim DDR-Ministerrat, Kohl, und Staatssekretär Bahr vom Bundeskanzleramt, begleitet von je zwei Mitarbeitern, treffen sich in Ostberlin. In der ersten Runde geht es dabei wohl um Prozedurfragen. Wer trifft sich wann, wo und wie oft? Schon diese Anfangsphase wird nach bisherigen Erfahrungen schwierig genug sein. Die folgenden Gespräche, so erwartet man in Bonn, werden ein langwieriges und mühevolles Geschäft.

Mühevoll deshalb, weil die beiden Delegationen mit verschiedenen Zielvorstellungen in die Gespräche hineingehen. Die SED-Führung hatte sich zunächst lange gegen die Gespräche gesperrt. Der Gromyko-Besuch und der Abschluß des Warschauer Vertrags scheinen die beiden Ereignisse gewesen zu sein, die Ostberlin schließlich davon überzeugt haben, daß es dem deutschen Dialog nicht mehr länger ausweichen kann. Als Verhandlungsgegenstand hat die DDR unter anderem eine Transitregelung vorgeschlagen. Ein Transitvertrag aber wäre eine Form des Staatsvertrags, der die Anerkennung des Vertragspartners impliziert – und dies ist immer noch ein Hauptziel der DDR.

Bonn hat dagegen zwei andere Gesprächsthemen vor Augen. Einmal hofft man, in absehbarer Zeit im Auftrag der Vier Mächte Verhandlungen über die Zugangswege führen zu können; zum andern konzentriert sich das Interesse auf das Gespräch über die zwanzig Punkte von Kassel: die Vorschläge Brandts zur Verbesserung und Erleichterung des Zusammenlebens in beiden Teilen Deutschlands.

Die Gespräche über menschliche Erleichterungen werden, wenn überhaupt, dann gewiß erst sehr spät zu Ergebnissen führen; daran hat die Sowjetunion kein unmittelbares Interesse. Dagegen werden Verhandlungen über die Zugangswege in Bonn weniger pessimistisch beurteilt. Bonn setzt darauf, daß die Sowjetunion ein Interesse am erfolgreichen Abschluß der Vier-Mächte-Verhandlungen in Berlin hat und daß sich die Verhandlungspartner über einen Auftrag an die Vertreter der beiden Teile Deutschlands einig werden.

Diesem Auftrag ist Ostberlin mit seiner Offene zuvorgekommen, allerdings wohl kaum in der Absicht, die Vierergespräche zu fördern. Der Transitvertrag würde nach Ostberliner Vorstellung wohl auch Regelungen über den Zugang nach Westberlin einschließen. Damit aber würde das Gespräch über den Zugang nach Berlin vom Auftrag der Vier Mächte abgetrennt, woran die Bundesrepublik – und, so hofft man in Bonn, auch die Sowjetunion – kein Interesse haben kann, weil damit die Rechte der Vier beeinträchtigt würden.

Bonn bereitet sich auf harte Gespräche vor. Noch sieht es so aus, als ob Ostberlin "Präventivverhandlungen" führen will – Verhandlungen, die mehr dazu dienen, Ergebnisse zu verhindern, als dazu, Einigung zu erzielen. Egon Bahr hat in Moskau lange gebraucht, um das Eis zu brechen. Seine Gesprächspartner in Ostberlin werden noch schwieriger sein.