Fünfzehn Stufen unter der Erde im alten Tonnengewölbe fünfzig Plätze, das sind 350 Mark Einnahme pro Abend. Das ernährte mit Abzügen das dreiköpfige Frankfurter "Katakomben"-Team schlecht und recht mit Brecht. "Brecht was here – Wowww" – ein Stück, das es gar nicht gibt, wurde vier Monate gegeben, jetzt ist es weg. Brecht kommt nicht wieder. Brecht in der "Katakombe", das waren ganz einfach Textcollagen quer durch Brechts Produktion mit Ausschnitten im Originalton von dem Kreuzverhör, dem sich Brecht 1947 vor dem "Kongreß für unamerikanische Betätigungen" in den Vereinigten Staaten unterziehen mußte. Was Marcel Schilb, der Katakombenregisseur, ganz selbstverständlich als geistiges Gemeineigentum aus dem Nachlaß des Sozialisten Brecht empfand, erwies sich in Wahrheit als streng gehütetes, kapitalistisch urheberrechtlich geschütztes Privateigentum einer Sozialistin in einem sozialistischen Staat: der Brecht-Witwe Helene Weigel. Die allein berechtigte Interpretin der Intentionen ihres Mannes, des DDR-Nationalheiligtums Bertolt Brecht, protestierte bei Suhrkamp, ihrem westdeutschen Verleger: "Was ist das für ein schreckliches Zeugs!" Zur Beurteilung hatte ihr lediglich die Textcollage vorgelegen.

Wenn ich jetzt beliebig aus "Mahagonny", "Mann ist Mann", "Heilige Johanna", "Baal" Texte auswähle, dann könnte ich, wäre ich so fleißig und talentiert wie die Katakombenleute, eine Collage machen, dann könnte ich Freunde einladen, und wir könnten das mit verteilten Rollen lesen. Zur Not ließe sich vielleicht auch ein verstimmtes Klavier auftreiben, und wir dürften Brecht sogar nach Melodien von Franz Léhar singen. Die Katakombensänger indessen verwendeten die Originaltöne Eislers und Weills, nur für ein paar Prosatexte erfanden sie eigene Noten. Ihre ideologische Abweichung bestand nur aus einer Kleinigkeit: sie wählten eigenmächtig aus. Angesichts solcher Häresie drückte Suhrkamp vier Monate lang ein Auge zu. Im fünften öffnete er es wieder und schlug zu. Nicht mit dem Beil der Inquisition, sondern mit, der Glaubensstrafe dies 20. Jahrhunderts: dem Urheberrecht.

Am 9. November verbot Helene Weigel durch Einstweilige Verfügung der "Katakombe" weitere Aufführungen des Nicht-Bnecht-Stücks "Brecht was here".

Modelle, sagte Brecht einmal, sind dazu da, daß man sie übernimmt, um sie zu verändern. In Frankfurts Katakombe tragen die Schauspieler jetzt Maulbinden und ziehen sich einstweilen auf Tucholsky, gemäß Empfehlung des Suhrkamp-Verlags auch auf Schiller zurück, der ja urheberrechtlich frei ist.

In Stegreifpointen aus diesem und anderen Beispielen mixte Marcel Schilb eine Parabel, die wider den Stachel Suhrkamp lockt: eine Parabel von der Geschichte der Literatur, die im Grunde die Geschichte der Übernahme von Modellen und ihrer Veränderung ist. Karin Zeller