Je kleiner die Geräte, desto kleiner der Preis. Das scheinen, auf einen kurzen Nenner gebracht, die Zukunftschancen der Mikroelektronik zu sein. Bei der Münchner "Electronica" jedenfalls zeichnete Dr. Leo A. Steipe vom internationalen Elektronik-Arbeitskreis e. V., Frankfurt, ein zweischneidiges Bild der Branche: Einerseits sei ein Siegeszug der integrierten Schaltkreise zu erwarten. In einigen Jahren dürften die integrierten Schaltungen in großem Stil in der "Konsum-Elektronik" in Fernsehen, Radio und Automobil verwendet werden. Andererseits aber fürchtet man den harten Wettbewerb.

In riesigen Stückzahlen hergestellte elektronische Erzeugnisse dürften die Preise für die verbrauchsorientierte Elektronik revolutionieren. Taschenradios könnten dann einschließlich der Batterien ganz aus Kunststoff gegossen und einfach weggeworfen werden, wenn die Batterien nichts mehr wert sind. Steipe: "Es kann durchaus sein, daß man in den 80er Jahren von Wegwerf-Elektronik ebenso selbstverständlich spricht wie heute von Wegwerf-Feuerzeugen."

Am gesamten Elektronik-Markt Europas von 40 Milliarden Mark ist die Mikroelektronik, im eigentlichen Sinne die Produktion der integrierten Schaltkreise, mit nur gut 1,2 Prozent oder 500 Millionen Mark beteiligt. Weltweit kommen die Schaltkreise auf rund 3,5 Milliarden Mark, wobei die USA mit allein 75 Prozent dominieren. Die Mikroelektronik behauptet eine Schlüsselstellung und hängt eng mit den anderen Bereichen der Elektronik zusammen. Besonders die Computertechnik wird heute vom Fortschritt bei den integrierten Schaltkreisen bestimmt.

Zunächst werden sich die integrierten Schaltungen vor allem in der industriellen Elektronik und in der Datentechnik weiter rasant durchsetzen. Man rechnet damit, daß sich der Markt in diesem besonders fortschrittsträchtigen Teilgebiet der Elektronik in den nächsten vier Jahren dem Wert nach verdoppelt. Nach der bisher üblichen Preistendenz würde dies bedeuten, daß sich die Stückzahlen bis dahin vervierfachen, Ein Preisverfall ohne Beispiel bereitet den Managern der Mikroelektronik schweres Kopfzerbrechen. Die weltweiten Überkapazitäten, vor allem in den USA, haben bei integrierten Schaltungen in den letzten Monaten zu Preissenkungen um mehr als 60 Prozent geführt. Steipe berichtete, daß einzelne Firmen "über Nacht" um die Hälfte heruntergingen und heute für einen Schaltkreis, der 1961 noch 1000 DM kostete und 1964 an die 40 DM, der Preis seit Anfang 1969 weiter von etwa sieben Mark auf weniger als 50 Pfennig absackte.

Durch diesen "ruinösen" Preisverfall sehen die Produzenten den Fortschritt in der Branche, der nach wie vor immense Investitionen erfordert, bedroht; die technische Entwicklung könne leiden. Dennoch hofft man, daß sich die Lage wieder entspannt, sobald der Absatz halbwegs die Kapazitäten wieder eingeholt hat. Daß alles nicht so heiß gegessen wie es gekocht wird, zeigt ein Blick in die Vergangenheit. Schon vor Jahren sorgte man sich in der deutschen Elektronik-Industrie, daß nach einem Ende des Korea-Krieges billige Bauelemente von drüben den europäischen Markt überschwemmen könnten. Doch das ist eine Weile her.

Martin Burg