Carl Amery, 1922 in München geboren, kennt den Kulturbetrieb von vielen Seiten: als Romancier, Hörspielautor, Dramatiker, Verfasser linkskatholischer Streitschriften, Mitglied der Gruppe 47, freier Journalist, Redakteur, Dramaturg; seit 1967 ist er Direktor der Stadtbibliothek München, ein Amt, das er, wie gerade bekanntgegeben, zum 1. Januar 1971 niederlegen wird, um wieder zur schriftstellerischen Arbeit zu kommen. Er wurde vom Verband deutscher Schriftsteller in Stuttgart zum Beauftragten für die Kooperation mit den Bibliotheken gewählt,

Es ist heute so gut wie sicher, daß demnächst eine sogenannte Urheberrechtsnovelle im Bundestag durchgehen wird, und zwar mit den Stimmen aller Parteien. Sie wird unter anderem eine Tantieme für Buchensteiner in öffentlichen und Werksbüchereien festsetzen. Sie soll zehn Pfennig pro Band und Ausleihe betragen; davon gehen (über eine Inkassogesellschaft) dem Autor fünf Pfennig bei der jährlichen Abrechnung zu, das zweite Fünferl soll in einen Fonds einbezahlt werden, welcher die Grundlage für die Altersversorgung der Schriftsteller in Deutschland bilden soll. Diese Altersversorgung ist überfällig, und man hat – inder From der Bibliotthekdtantieme –einen Weg gewählt, der im Skandinavien erprobt wurde.

Da ich selbst Schriftsteller bin, habe ich selbstverständlich gegen den Aufbau einer Altersversorgung nichts einzuwenden. Was ich jedoch meinen Kollegen dringend empfehlen muß, ist eine genaue Überprüfung der Rückwirkungen auf die öffentlichen Büchereien. Sie sind beträchtlich – und für die Schriftsteller selber sehr unangenehm.

Die skandinavische Praxis wird nämlich zu einem Zeitpunkt übernommen, da die nordischen Länder über ein äußerst hochentwickeltes öffentliches Bibliothekssystem verfügen, während dieses System in Westdeutschland praktisch in den Anfängen steckt. Vor allem in ländlichen und kleinstädtischen Verhältnissen würde die Belastung der öffentlichen Büchereiträger durch, die Schriftsteller-Abgabe die ohnehin geringen Anschaffungsmittel so reduzieren, daß die notwendige Weiterentwicklung unmöglich oder gefährdet erscheint. Es gibt Gemeinden, deren Ankaufsetat für neue Bücher nicht mehr als 200 Mark beträgt. Werden sie genötigt, für die Ausleihe der alten Berg- und Liebesromane, die in ihrem Büchereischrank stehen, pro Jahr zusätzlich wei-We 200 Mark abzuführen, liegt es auf der Hand, daß sie ihre sogenannte Bücherei zusperren und nie mehr daran denken werden, sie wiederzueröffnen. Andererseits werden gerade büchereiintensive Gemeinden (wie etwa die Landeshauptstadt München) nachträglich vor die Gefahr gestellt, etwa vierhunderttausend Mark für die neuen Rechte aufbringen zu müssen.

Diese Gefahr wurde erkannt. Man ist sich einig, daß die Kosten der Neuregelung von den Ländern übernommen werden sollen, wobei die Frage der Bundesbeteiligung noch offen bleibt. Aber selbst die Übernahme dieser Kosten durch die Länder kann die Bibliothekare nicht beruhigen, weil der Anteil vieler Länder am Ausbau des öffentlichen Büchereiwesens völlig unbefriedigend ist. So hat Bayern etwa bislang 2,3 Millionen Mark pro Jahr für Büchereizuschüsse aufgebracht, das sind ziemlich genau 22 Pfennig auf den Kopf der Bevölkerung. Man vergleiche damit die 15 Mark pro Kopf in Dänemark oder die 8,50 Mark in Schweden, die zudem reinen Anschaffungsetat darstellen, also Mittel für neue Bücher. Zur Zeit sind verschiedene Entwicklungspläne in Arbeit, welche die Förderung der öffentlichen Büchereien durch die Länder gesetzlich sichern sollen. Es ist daher bestimmt kein Berufsegoismus, wenn die Bibliothekare befürchten, daß die gleichzeitige Einführung der Tantiemen-Abgabe diese Verhandlungen schwieriger macht.

Als Schriftsteller, nicht als Bibliothekar, möchte ich meine Kollegen dringend davor warnen, das öffentliche Büchereisystem auch nur indirekt zu belasten. Es liegt in unserem ureigenen Interesse, die Förderung der öffentlichen Büchereien nicht nur wohlwollend zu beobachten, sondern aktiv zu betreiben. Angesichts der wachsenden Verlagskonzentration, der immer rücksichtsloser arbeitenden Werbemaschine, die Bestseller mit geradezu bedrückender Regelmäßigkeit aus absolut; verächtlichen Produkten fabrizient ist eshöchsts Zeitfür dieSchriftsteller, ein leistungsfähiges Bibliotheksnetz hinter sich zu wissen, das eine gewisse Absatzgarantie für seriöse, beziehungsweise unkonventionelle Werke darstellt. Ich kenne zwar Verleger, die noch – gegen ihr eigenes wirtschaftliches Kalkül – ein paar nervöse und gutgezüchtete Paradepferde halten, so wie sich ein Bankier einen Traberstall hält; auf die Dauer wird das aber immer kostspieliger werden. Eine falsche Frontstellung zwischen Bibliothekaren und Schriftstellern wäre deshalb ein Bärendienst, den sich die Schriftsteller selber erweisen. Sie würden den Ast absägen, auf dem die Dichter von morgen sitzen.

Es gilt also in diesem Stadium konkrete Vorschläge zu machen, welche die (grundsätzlich gegebene) Interessengemeinschaft zwischen Schriftstellern und Bibliothekaren dokumentieren und konkretisieren. Im folgenden werde ich mir erlauben, solche Vorschläge aufzuzählen.