Von Wolf Donner

Der Titel stimmt nicht ganz. Gegen den Täter wird gar nicht ermittelt, er ist nämlich über jeden Verdacht erhaben, genauer: Er ist Chef des Morddezernats im Römischen Polizeipräsidium, soeben befördert zum Leiter der politischen Abteilung. So jemand darf und kann kein Mörder sein, auch wenn er faktisch seiner rassigen Geliebten die Kehle durchgeschnitten und sogar bewußt alle Spuren der Tat auf sich gelenkt hat. Er wird aller Wahrscheinlichkeit nach frei ausgehen. Open end.

Ein faszinierendes Thema: die Ansteckungsgefahr des Berufskriminalisten durch Verbrechen, die Kriminalisierung der Polizei im Sinne einer fatalen Annäherung in Methoden, Ansichten, Auftreten und Sprache; und auch jenes insgeheime Gangstertum der Politik einer Demokratie und ihres staatserhaltenden Apparates, dessen gefährliche, quasi-faschistische Machtstruktur sich kaschiert als berufsbedingter Haß gegen Intellektuelle, Studenten, Anarchisten, Kommunisten, Homosexuelle und jegliche Störenfriede der bestehenden Gesellschaftsordnung, eines Apparates, der diese Ordnung mit Autorität gleichsetzt und Autorität mit unbegrenztem Gehorsam und einem nationalistischen Obrigkeitsbewußtsein.

Ein ernsthafter und brennend aktueller Film hätte das werden, können. Der von Elio Petri ist nur hochdekoriert; eine ganze Handvoll Jurys und Gremien hat ihn für preiswürdig befunden, jede hat scheinbar das ihr Zusagende in ihm gefunden: Sex und Crime in spekulativer Zubereitung für das sogenannte "Mässenpublikum", Perversionen und Sadismen, Brutalitäten und viel Hausmacher-Psychologie, Korruption und Karrieredenken der Staatsdiener, Einschüchterung der Subalternen und der sogenannten "kleinen Leute", Studentenrebellion und Polizeiterror, das knisternde Spiel mit Kompetenzen, Macht und Politik.

Der Film ist vollgestopft mit Komplexen, Themen und Ismen jeder Art, die oberflächlich kurz angerissen, aber nie durchgeführt werden: Sie bleiben Klischees. Der Film verschenkt Gesellschaftskritik an eine effektvolle Machart und eine reißerische Mixtur ohne jeden Aufklärungswert: ein politischer Thriller.

Rund um den Dottore keine Figuren, sondern nur Stereotypen: schmierige Beamte, das ängstliche dumme Volk von der Straße, dekadente perverse Reiche; Studenten, die mit flammenden Gesichtern ihre Parolen schreien, dekorativ im Gefängnis die Mao-Bibel schwenken und die Internationale singen; ein schleimiger, fieser Polizeipräsident, der auf das Geständnis seines Vertrauten, er habe ein Verhältnis mit der Ermordeten gehabt, nur mit Lüsternheit reagiert: "Wie war sie?"

So komplex und letztlich diffus wie der ganze Film ist seine Hauptfigur, der Dottore. Für den Mord und das folgende teuflische Spiel mit den Kollegen bietet der Film mindestens vier Motive an. Zunächst ist es für den Dottore nur ein zynischer Test, in dem er in einer Art Machtrausch sich und der Umwelt beweisen will, daß er der größte ist. "Ich repräsentiere die Macht!", trumpft er vor der Geliebten auf. Die vor Angst und Ratlosigkeit zitternden Würstchen um ihn scheinen seine Hybris zu bestätigen.