The Earl of Longford Thomas P. O’Neill: "Eamon de Valera"; Verlag Hutchinson, London 1970; 499 S., 80 Shilling

Von den Männern, die vor dem Kriege große Politik machten, sind noch drei im Amt: Haile Selassie (78), Tschiang Kai-schek (82) und de Valera (88). Keiner von ihnen hat ohne Demütigung, Exil oder Haft sein Alter erreicht. Eamon de Valera kann überdies ein nicht vollstrecktes Todesurteil vorzeigen.

Das Raubvogelgesicht, das man sich so gut als das eines erfolgreichen Kardinals denken kann, ist den Iren seit nun über fünf Jahrzehnten vertraut. Nicht daß sie es immer mit Vergnügen gesehen hätten. Noch heute trifft man in Dubliner Kneipen räsonnierlustige Landsleute des Präsidenten, die ihn rundweg "that Spanish bastard" nennen, Auch daß er in der New Yorker Lexington Avenue zur Welt kam, wird von seinen Gegnern gern betont.

Was sie nicht bestreiten können, ist die irische Mutter. Sie war in die Vereinigten Staaten ausgewandert, was sie nicht zu einer schlechten, sondern eher zu einer typischen Irin macht. In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts konnte eine früh verwitwete Frau in der Grafschaft Limerick nichts Besseres tun als nach Übersee auszuwandern und sich einen neuen Mann zu suchen.

Für einen irischen Politiker dagegen kann die halbamerikanische Herkunft so wertvoll sein wie für einen amerikanischen Präsidenten die irische, sei sie echt wie bei Kennedy oder dubios wie bei Nixon. Eamon de Valera wurde nach dem Osteraufstand von 1916 nicht zuletzt deshalb begnadigt, weil die britische Regierung, kurz vor dem Kriegseintritt der Amerikaner, nicht antiirischer ausssehen wollte als unbedingt nötig.

Was die autorisierten Biographen aufschlußreich und mit neuem Material darlegen, sind die Dreiecksbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Irland während des Zweiten Weltkrieges. Konservative Politiker von heute werden leicht irritiert sein, wenn sie lesen, daß Winston Churchill mehrmals, einmal sogar mit theatralisch lancierter, nächtlicher Telegramm-Offerte, bereit war, de Valera die Einheit Irlands anzubieten, also das nordirische Ulster zu opfern, wenn die Republik ihre Neutralität aufgebe. Vor allem jene süd- und westirischen Häfen, die noch bis zu Chamberlains Zeit vertraglich dem britischen Generalstab für Kriegszwecke unterstanden hatten, dann aber freigegeben worden waren, stachen dem früheren Seelord Churchill ins Auge, wenn er die Karte der Atlantikschlacht betrachtete.

Des Premierministers Verbündeter war der amerikanische Geschäftsträger in Irland, Gray, der die Regierung Roosevelt zur Parteinahme gegen de Valeras Neutralität animierte. Von der Einseitigkeit (und Erfolglosigkeit) seiner Berichte abgesehen, sind die Charakterisierungen. Grays gar nicht so falsch. Er nannte de Valera "nicht prodeutsch, auch persönlich nicht antibritisch, sondern einfach pro-de-Valera. Niemand kann ihn überlisten, ängstigen oder durch Schmeicheln wankend machen. Nach meiner Ansicht kann man mit ihm nur verhandeln, wenn man seine Bedingungen akzeptieren will. Andernfalls muß man ihn zwingen."