Von Hans Otto Eglau

Durch den Kurpark von Badenweiler am Fuße des südlichen Schwarzwaldes spazierte ein älterer Herr. Doch im Gegensatz zu den übrigen Gästen seines Alters konnte ihn der Müßiggang nicht von bohrenden Gedanken ablenken. Mehrmals in seinem Urlaub zitierte er enge Mitarbeiter zu sich; unter den mißbilligenden Blicken seines ihn stets begleitenden Arztes ließ er sich nach Freiburg und Konstanz chauffieren und vor den Portalen der dortigen Hertie-Warenhäuser absetzen.

In seinen Kaufpalästen fühlt sich Georg Karg, der 82jährige Chef des Frankfurter Hertie-Konzerns, am wohlsten. „Ich bin nicht in einem Warenhaus geboren“, karikiert er das Verhältnis zu seinem Metier, „aber die übrige Zeit habe ich darin gelebt.“

Georg Karg ist einer der mächtigsten Konzerngewaltigen. Seine 64 Hertie-Häuser, vier Wertheim-Filialen und 25 Bilka-Kleinpreisgeschähe verkauften im letzten Jahr für 3,7 Milliarden Mark Ware und rangierten damit unter den führenden deutschen Warenhausgruppen hinter Karstadt an zweiter Position. Doch kein zweiter Mann seines Ranges, einschließlich so skurriler Gestalten wie Friedrich Flick und August von Finkh, hat es so vollendet verstanden, sich den Blicken der Öffentlichkeit zu entziehen. Nur ganz wenigen seiner Millionen Kunden dürfte bewußt sein, bei wem sie eigentlich kaufen, wenn sie bei Hertie kaufen, kein „Who ist who“ verzeichnet über seine Person biographische Daten, kein Bildband der führenden deutschen Unternehmer enthält sein Konterfei.

Aus der selbst kultivierten Anonymität regiert der 1,71 Meter große, schmale Mann mit dem schlohweißen Haar und, den auffällig kräftigen Brauen seinen Konzern mit patriachalischer Strenge. Noch heute trifft der betagte Unternehmenschef alle wichtigen Entscheidungen in letzter Instanz allein. Damit genießt er in der deutschen Warenhausbranche eine einmalige Stellung: im Gegensatz zu seinen Konkurrenten Karstadt, Kaufhof und – mit Einschränkung – Horten, die in ihrer Geschäftspolitik. weitgehend vom Votum ihrer Hauptaktionäre, der Großbanken, abhängig sind, kann Georg Karg seinen Konzern in völliger Unabhängigkeit führen.

Unter Kargs strenger Regie entwickelte sich Hertie nach dem Krieg von einem Häuflein Ruinen zur expansivsten Warenhausfirma der Bundesrepublik. Schon im letzten Jahr überflügelte das Frankfurter Unternehmen – gemessen am Umsatz – den Kaufhof. Bezogen auf die Gesamtverkaufsfläche liegt Hertie bereits vor Karstadt an erster Stelle. Der zurückhaltende Konzernchef besitzt in dem traditionsreichen Berliner KaDeWe nicht nur den größten Warenhausbau der alten Hauptstadt (34 000 Quadratmeter Verkaufsfläche); in München will er seine Filiale am Bahnhof auf 32 000 Quadratmeter Verkaufsfläche erweitern und damit auch in Westdeutschland die Spitze in der Skala der größten Warenhäuser erobern.

Zu Größerem fühlte sich Georg Karg schon früh berufen. Der Sohn, eines kleinen Tuchfabrikanten und späteren Textil-Einzelhändlers aus Friedeberg, 150 Kilometer östlich von Berlin, begann seine Karriere mit 15 Jahren als Lehrling im Textilkaufhaus F. R. Knothe in der benachbarten Kreisstadt Meseritz. Karg, siebentes von zehn Kindern, packte Kartons aus, verkaufte Socken und Strumpfbänder, kehrte den Bürgersteig und lernte zwischendurch sogar noch einige Brocken Polnisch, um die jeden Herbst in die Stadt strömenden polnischen Schnitter bedienen zu können. Kargs Lerneifer würde auf ungewöhnliche Weise belohnt: als sein Lehrherr starb, hinterließ er seinem tüchtigen Stift einen ansehnlichen Geldbetrag.