Wer vertritt die deutsche Wirtschaft im Ausland?

Von Wolfgang Hoff mann

Die Munition war scharf. Doch obwohl die Schützen im Hinterhalt lagen und das Ziel weithin sichtbar war, ging die Ladung dann nach hinten los: Gegen den Willen des mächtigen Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) wird demnächst eine deutsche Handelskammer in London gegründet.

Zur Munition jener, die gegen die Errichtung der Handelskammer schossen, gehört eine alte Affäre, deren Wahrheitscharakter nie ganz geklärt wurde: Die frühere deutsche Handelskammer in London, die bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges existierte, sei eine Spionagezentrale des damaligen Außenministers Ribbentrop gewesen, heißt es in den Annalen. Und deshalb sei den Briten nicht zuzumuten, daß abermals eine deutsche Handelskammer auf der Insel installiert werde. Dies würde nur unliebsame Reminiszenzen aufwühlen.

Die Briten haben die Affäre zwar längst vergessen, und frühere Ressentiments abgebaut, dennoch diente die Geschichte in den letzten Wochen und Monaten als willkommene Waffe im kalten Krieg zwischen dem BDI und dem Deutschen Industrie- und Handelstag (DIHT). Über die Errichtung einer Handelskammer in London kam es zwischen den beiden Verbänden zum Streit. Ein BDI-Sprecher in Köln: "Der deutschbritische Handel ist so gut entwickelt; wir sehen deshalb keinen Grund, eine Handelskammer zu errichten."

Der Geschäftsführer des DIHT, Dr. Albrecht Düren, sieht das freilich anders. Er bestreitet nicht, daß die Großindustrie entweder durch eigene Repräsentanten oder die Londoner Verbindungsstelle des BDI auf der britischen Insel hinreichend vertreten ist. Er meint jedoch, daß vor allem kleine und mittlere deutsche Unternehmen sich keine eigenen Vertreter leisten und daher ihre Interessen nur recht mangelhaft wahrnehmen könnten. Was vor allem fehlt, sind bessere Informationsmöglichkeiten. DIHT-Geschäftsführer Düren: "Wir haben mit unserer kleinen Verbindungsstelle gesehen, wie notwendig sie ist. Auch die Engländer sind an einer Handelskammer interessiert."

Zwar bietet auch die Wirtschaftsabteilung der deutschen Botschaft mancherlei Service. Die Abteilung des Botschafters von Hase ist indes chronisch unterbesetzt und nicht in der Lage, die vielfältigen Anfragen zu beantworten. Erst unlängst beklagte sich eine bayerische Werkzeugfirma bei der DIHT-Verbindungsstelle, die Botschaft lasse Briefe einfach liegen. Deshalb bat der Unternehmer den DIHT: "Man möge sich doch einmal darum kümmern, weshalb der britische Kunde einfach nicht zahlt."