Von Wolfram Siebeck

Es war ein schöner Tag. Die Berge waren blau und sehr weit weg, aber bis Weihnachten war es nicht mehr lange. Der Mann dachte, daß das Sterben an schönen Tagen besonders schön sein müsse. Er kaute eine Nuß und war durstig und ungeduldig und froh, daß er den anderen bald töten würde. Seit zwei Wochen war er hinter ihm her. Er hatte seine Spuren verfolgt. Zuerst zwischen den Apfelbäumen, dann in der Nähe der Rosen, dann tauchten sie bei der Fichte auf und dann wieder bei den Apfelbäumen. Die Nuß saß ihm zwischen den Zähnen, und er war durstig und fluchte in Gedanken, wenn er daran dachte, wie lange er nun schon hinter dem anderen her war. Aber er würde ihn kriegen, dachte er, heute noch, heute ist ein schöner Tag, und auch der Tod zieht die schönen Tage den schlechten Tagen vor. Er ging zu den Apfelbäumen und dachte an die beiden, die er vor zwei Jahren getötet hatte. Sie waren grau und hatten rosa Hände, sehr saubere Hände. Erstaunlich, dachte er, wenn man bedenkt, und er sah seine eigenen Hände an, aber die steckten in Handschuhen.

Der Maulwurf hörte ihn kommen und dachte, da kommt er wieder, der Trottel, und drehte sich um und kroch den Gang zurück bis zu der Abzweigung, die zur Fichte führte, dort bog er ab und kroch weiter, bis er den Raum erreichte, den er vor einer Woche gegraben hatte. Es war ein tiefer Raum, schön trocken und warm, und von hier aus konnte er in drei Richtungen weg. Der Maulwurf wartete.

Komm raus, sagte der Mann. Er stand vor einem frischen Erdhaufen und hatte den Spaten in der Hand. Komm raus, damit ich dir den Schädel einschlagen kann! Früher oder später kriege ich dich doch. Er ging zu einer Stelle in der Nähe der Fichte, wo die Aufgewühlte Erde plattgetreten war, und setzte den Spaten an. Er hob ein loses Stück Rasen hoch, aber noch bevor er die Erde von den Fallen weggeräumt hatte, wußte er, daß er ihn wieder nicht gekriegt hatte.

Der Maulwurf spürte den Luftzug im Nacken und hüllte sich tiefer in seinen Pelz. Er gräbt wieder, der Trottel, dachte er. Wahrscheinlich bei den Fallen an der Fichte; der wird sich ärgern! Er hatte in diesem Herbst schon 140 m Gänge gegraben und 68 Haufen aufgeworfen. Und er war noch jung und voller Tatendrang. Bis Weihnachten wollte er weitere 30 Haufen schaffen und dann seine Braut nachkommen lassen. Der Maulwurf hatte die Berge noch nie gesehen, aber er wußte, daß es bis Weihnachten nicht mehr weit war.

Der Mann sah über den Rasen, der mit vielen schwarzen Erdhaufen bedeckt war wie mit Aussatz. Er hatte die Fallen neu gespannt und wieder in die Löcher geschoben. Er legte den Rasenklumpen behutsam darüber und dachte, eines Tages kriege ich dich doch. Er war durstig und ungeduldig und verärgert, daß der Maulwurf ihm wieder entwischt war. Siebeck, sagte er zu sich, was bist du doch für ein Trottel.