Inzucht verwässert die Kontrollfunktionen der Aufsichtsräte in den Unternehmen

Von Heinz C. Schade

Die Wirtschaft braucht einen möglichst breiten Kreis von Kapitalgebern. Der Ton, in dem manche Manager mit Kleinaktionären umspringen, läßt aber oft zu wünschen übrig. So läßt sich die Aktie sicherlich nicht populärer machen. Der Unternehmensberater Professor Heinz C. Schade schildert hier an einem exemplarischen Fall, wie es auf manchen Hauptversammlungen zugeht.

Dem Bankier Fürstenberg wird das Wort zugeschrieben, der Aktionär sei dumm (weil er fremden Leuten sein Geld leihe) und frech (weil er dafür auch noch Zinsen verlange). Dem Besucher einer Hauptversammlung (HV) muß deshalb die außerordentliche Höflichkeit höchst angenehm auffallen, mit der Aufsichtsratsvorsitzender und Vorstandsvorsitzender die anwesenden Aktionäre begrüßen und sich vor allem um deren körperliches Wohlbefinden bemühen. Den etwas zu früh eingetroffenen Besuchern werden nicht nur reichhaltige geschäftliche Unterlagen angeboten; sie können sich auch vor Beginn der großen Schau mit Kaffee, Cola-Getränken und Apfelsaft erfrischen.

An der Stirnseite des großen, wohl tausend Menschen fassenden Saales hängt eine riesige Leuchttafel, auf der durch Computer gesteuert die Präsenz in absoluten Stimmzahlen, die jabeziehungsweise Nein-Stimmen sowie die Enthaltungen bei Abstimmungen und der Punkt der Tagesordnung, der zur Abstimmung ansteht, in Leuchtbuchstaben erscheinen. Auf dem – sehr stark erhöhten – Bühnenpodest sitzen Aufsichtsrats- und Vorstandsmitglieder in langer Reihe nebeneinander. Es sind fast 30 Herren, deren Namen auf gut lesbaren Schildern an den Tischkanten hängen. Von dort oben blicken die Mitglieder der Verwaltung auf ihre Aktionäre herab.

Von unten, aus der Sicht der Aktionäre betrachtet, scheinen die Verwaltungsmitglieder in kaum erreichbarer Höhe zu thronen. Die Organisation funktioniert reibungslos. Eine Lautsprecheranlage mit Mikrophonen vor jedem Mitglied der Verwaltung und an den beiden stehenden Rednerpulten, sorgt dafür, daß nicht nur jeder Teilnehmer im Saal, sondern auch alle die, die sich auf Gängen und Fluren, in Vor- und Nebenräumen des Gebäudekomplexes aufhalten, hören, was sich in der Hauptversammlung selbst abspielt.

Kurz vor zehn Uhr hat sich der Saal gefüllt. Die Tribünenplätze werden von den Verwaltungsmitgliedern eingenommen. Man begrüßt sich mit Handschlag. Auch die Arbeitnehmervertreter werden dabei nicht vergessen. Dann eröffnet der Aufsichtsratsvorsitzende in seiner Eigenschaft als HV-Leiter die Veranstaltung. In diesem Falle ist es der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende, der seinen kranken Kollegen entschuldigt.