Von Dietrich Strothmann

Wie stets, wenn in Damaskus ein neuer Mann sich die Macht erobert, jubeln ihm die Syrer zu. Auch diesmal riefen sie in den Straßen: "Lang lebe Syriens Löwe." Der neue Regent in Damaskus ist Hafez Assad. Und Assad heißt "Löwe" oder auch "Retter des Volkes". Aber in dem Land, das von allen Staaten der Welt die meisten Krisen, Rebellionen und Umstürze erlebte – in den letzten zwanzig Jahren waren es 43 Regierungsumbildungen und achtzehn. Militärputsche –, weiß niemand, wie lange sich einer an der Macht halten kann.

Auch der "Löwe" kann eines Tages in die Wüste gejagt, der "Retter" zum Verräter erklärt werden. Wenn schon, im Nahen Osten manches möglich ist, in Syrien ist alles möglich: Erst "Hossianah", dann "Kreuzigt ihn". In Damaskus bleibt kein Machthaber lange an der Macht. Auch Assads Gegner mögen schon im Hinterhalt lauern.

Durch Niederlagen siegte der 40jährige General, der heute zugleich Regierungschef, Verteidigungsminister und Parteiführer ist. Wo andere verloren, gewann er: Die schmachvolle Schlappe vom Krieg im Juni 1967 brachte den Luftmarschall in den Vorhof der Macht, das schmähliche Ende des syrischen Abenteuers im jordanischen Bürgerkrieg in sein Zentrum. Nachdem Assad 1968 den Ministerpräsidenten Saijn gestürzt und im März 1969 den Staatspräsidenten Atassi vorübergehend unter Hausarrest gestellt hatte, übernahm er nun in der vergangenen Woche nach einem "weißen Staatsstreich" – einem unblutigen Putsch – die Führung. Atassi mußte gehen, der Vizeparteichef Jedid Zuflucht im Ausland suchen. Im dritten Sprung hatte es der "Löwe" geschafft.

Woher Hafez Assad kommt, wo er geboren ist, wie er Karriere machte, was er denkt, welche Charaktereigenschaften ihm eigen sind – all das ist im Westen unbekannt. Nur soviel weiß man: Er gehört der zahlenmäßig kleinen Sekte der Alawiten an, zu der auch viele seiner Offizierfreunde zählen; er kann skrupellos sein, wenn es gilt, Rivalen zu beseitigen, wie den Geheimdienstchef Jundi, der nach seiner Verhaftung beim März-Putsch von 1969 erschossen wurde; und er hat Ausdauer. Assad kann warten, bis die Stunde günstig ist für ihn.

Auch das wird dem Berufsputschisten nachgesagt: er sei eine Mischung aus einem arabischen Machiavellisten und einem pragmatischen Nationalisten. So strebt er nun eine Annäherung an Kairo an, eine Aussöhnung mit Bagdad und einen Ausgleich zwischen militärischer Aufrüstung und wirtschaftlichem Fortschritt. Obendrein will er Moskaus Einfluß auf die syrische Innenpolitik bremsen. Assad hat sich, wenn dieses Programm für bare Münze genommen werden soll, viel vorgenommen. Vielleicht wird sich bald erweisen, daß es zu viel war.

Schon immer freilich wurde in Damaskus zu viel geredet und zu wenig getan. Syrien war es, das durch Falschmeldungen über einen angeblichen Vormarsch der Israelis Anfang Juni 1967 den Krieg auslöste – und sich dann flugs aus dem Kampffeld zurückzog. Es war die syrische Regierung, die am lautesten den "Volkskrieg" der Araber zur Vernichtung des "zionistischimperialistischen" Israel propagierte – sich aber an seinen Grenzen ruhig verhielt. Es waren die Führer in Damaskus, die am energischsten für die Palästina-Partisanen eintraten – aber dafür sorgten, daß die Freischärler nicht von ihrem Territorium aus agierten, sondern in den Libanon und nach Jordanien eingeschleust wurden.