Von Kristina Bonilla Montes de Oca

KRISTINA BONILLA: Sie finden Politik heute aktueller als vor zehn Jahren?

VĚRA LINHARTOVÁ: Ich glaube nicht. In der Tschechoslowakei ist diese Aktualität im Augenblick zwar sehr groß, aber meiner Meinung nach sollte man immer einen gewissen Abstand nehmen, sich von der aktuellen Situation zurückzuziehen wissen. Diese Distanz hängt nicht so sehr davon ab, daß man Literatur macht. Vor alles andere würde ich die Notwendigkeit stellen, aus sich selber etwas zu machen. Das Geschriebene ist die Reflexion, der Zeugenbericht über den eigenen Prozeß. Das hat mit der aktuellen Situation nichts zu tun. Ich meine, die Literatur ist ein Mittel: der Selbstfindung. Es ist unmöglich, sich selber zu kennen, ohne sich einen Spiegel vorzuhalten.

Worin besteht dieser Spiegel?

LINHARTOVÁ: Er stellt ein Zwischenstadium dar; denn das sichtbare eigene Spiegelbild ist nicht nur das des Individuums, sondern gleichzeitig auch das Bild der Umwelt, welches man sich zu einem bestimmten Zeitpunkt macht. Man betrachtet dieses Spiegelbild und kann sich dann von neuem in der Außenwelt orientieren. Ein kontinuierlicher Vorgang, der nie zu Ende ist. Sich ein Bild von der Welt machen, um sich darin zurechtzufinden – das ist für mich von fundamentaler Bedeutung.

Sie suchen nach einem Verhältnis zur Außenwelt – es handelt sich also nicht nur um einen inneren Prozeß? Sie versuchen, die anderen zu finden?

LINHARTOVÁ: Ich versuche, sie zu finden. Die Frage der Umweltorientierung steht in sehr unmittelbarem Zusammenhang mit der der mitmenschlichen Beziehung. Und das ist das Schwierigste. Jeder Text, den ich zu schreiben habe, enthält für mich die folgenden drei Bedeutungen: sich kennen – sich selber; sich orientieren – in der Umwelt; Beziehung aufnehmen – zu den anderen.