Der Senat von Berlin plant den Ausverkauf: In "alleiniger haushaltsrechtlicher Verantwortung", so Bonner Ministerialbeamte, doch unter moralischem Beistand von Bundeswirtschafts- und Bundesfinanzministerium will er sich von Textilien trennen, die mit einem Buchwert von rund 101 Millionen Mark seit fast zehn Jahren in Berlin als Krisenvorräte lagern. Stoffballen, Herrensocken, Kindernachtwäsche, Schuhe, Unterwäsche und Wolldecken sowie andere Artikel waren seinerzeit mit Hilfe von Bundesdarlehen angeschafft worden, um die Berliner Bevölkerung im Falle einer Versorgungsnotlage mit dem "Notwendigsten" versehen zu können.

Inzwischen meinen Senat und Bundesbehörden, daß Berlins Bevölkerung bei einer Versorgungskrise vom Senat nicht unbedingt mit so hochmodischen Dingen wie Herrensportmützen und Baskenmützen (208 000 Stück) ausgerüstet werden muß – auch wenn die Baskenmütze das "Markenzeichen des früheren Regierenden Bürgermeisters Ernst Reuter" war.

Stein des Anstoßes aber war der monatliche Mietaufwand von 200 000 Mark, zumal der Senat mit seinem "Anschaffungsdarlehen" immer noch beim Bundesfinanzminister in der Kreide steht und andererseits Senat und Bund sowohl Platz als auch Geld zur wichtigeren Einlagerung von Ölvorräten benötigen.

Berliner wie Bundesbürger allerdings sollen von dem Ramsch nicht profitieren: Beim Gesamtverband der Textilindustrie nämlich sorgt man sich, daß ein Ausverkauf zu Schleuderpreisen auf dem Inlandsmarkt "bei den hier anstehenden Mengen empfindliche Marktstörungen" zur Folge haben könnte, so das Fachblatt "Textil-Schnellreport". Verständnis fanden die Textilvertreter bei Karl Schillers Textilreferenten Kurt Friedrich. Und so wünscht das Bundeswirtschaftsministerium eher, daß die Ware möglichst nur an Exporteure verkauft wird.

Dennoch, so Friedrich: "Kleine Posten sind überhaupt keine Gefahr." Allerdings sollen dann vorzugsweise karitative Organisationen bedient werden, wenn sie "zu den gleichen Preisen kaufen wollen" wie ihre Konkurrenten aus der Wirtschaft.

Interesse besteht genügend. Denn obwohl die Waren – vor allem die Bekleidungsartikel – nach so vielen Jahren des modischen Reizes entbehren, könnten sie für den Inlandsmarkt lukrativ sein. Zum einen handelt es sich, so Ministerialexperten, um gute Qualitäten, zum anderen sind manche Artikel wie Trainingsanzüge ("wenn man von den fehlenden weißen Streifen absieht"), Herrensocken und Unterwäsche, Kinderanoraks und -mäntel sowie für 4,5 Millionen Mark Kurzwaren dem modischen Verschleiß nicht so sehr ausgesetzt. Außerdem stehen Halbfertigwaren (meist Stoffe) allein mit rund 60 Millionen Mark zu Buche.

Bei entsprechend reduziertem Preis rechnen sich die Interessenten ein gutes Geschäft aus: Vor allem Exporteure und Firmen wie die Frankfurter Vebeg – die auch alte Kriegsschiffe und Panzer’ verwertet – wurden von Senat und Bundeswirtschaftsministerium diskret ermuntert.