Von Karl-Heinz Jan Ben

Der Kanzler verbarg seine Ergriffenheit nicht: "Nun wäre der bayerische Vertrag fertig und unterzeichnet. Die deutsche Einheit ist gemacht, und der Kaiser auch!" Die Uhr zeigte zehn am Abend dieses 23. November 1870. Im Salon der Villa Jesse zu Versailles hatten der norddeutsche Bundeskanzler Graf Otto von Bismarck und der bayerische Staatsminister des königlichen Hauses und des Äußern, Graf Otto von Bray-Steinburg ein historisches Dokument mit ihrem Namen besiegelt: den "Vertrag, betreffend den Beitritt Bayerns zur Verfassung des Deutschen Bundes".

Bismarcks Pressereferent Busch sammelte emsig die noch nassen Federn ein. Den Kanzler dürstete es nach Champagner: "Bringen Sie uns noch eine von diesem. Es ist ein Ereignis!" Fürwahr – was Truppen aller deutschen Stämme am 2. September in der Schlacht bei Sedan erstritten, nun war es mit Brief und Siegel versehen; was das Schwert erworben, hatte die Feder nicht verdorben: Die nationale Sehnsucht der Deutschen war gestillt (vorerst, denn die Deutschen Österreichs mußten draußen bleiben).

Am 23. November 1870 wurde das Deutsche Reich gegründet, nicht, wie die Geschichtsbücher lehren, erst am 18. Januar 1871. (Im Januar wurde nur noch öffentlich verkündet, was seit dem Neujahrstag 1871 schon geltendes Recht gewesen.)

Der Chronist Moritz Busch hat uns genau überliefert, was Bismarck hernach im vertrauten Kreise nachdenklich von sich gab: "Die Zeitungen werden nicht zufrieden sein, und wer einmal in der gewöhnlichen Art Geschichte schreibt, kann unser Abkommen tadeln. Er kann sagen, der dumme Kerl hätte mehr fordern sollen; er hätte es erlangt, sie hätten gemußt; und er kann recht haben – mit dem Müssen. Mir aber lag mehr daran, daß die Leute mit der Sache innerlich zufrieden waren – was sind Verträge, wenn man muß! –, und ich weiß, daß sie vergnügt fortgegangen sind. Ich wollte sie nicht pressen, die Situation nicht ausnutzen. Der Vertrag hat seine Mängel, aber er ist so fester. Was fehlt, mag die Zukunft beschaffen."

Sie hat es besorgt – 1932 war es Bayern, das beim Staatsgerichtshof in Leipzig Klage erhob, weil Reichskanzler von Papen den Staat Preußen zerschlagen hatte, eben das Preußen, von dem viele bayerische Patrioten anno 1870/71 "mediatisiert" zu werden fürchteten. Bei der entscheidenden Abstimmung in der bayerischen Abgeordnetenkammer am 21. Januar 1871 hatten bei 102 Ja-Stimmen immerhin 48 Abgeordnete nach tagelanger Redeschlacht die Ratifizierung des Versailler Vertrages abgelehnt. Damals stemmte sich der Sprecher der Bayerischen Patriotenpartei, der Archivar und Publizist Joseph Edmund Jörg, gegen das "Unheil"; er und seine Freunde wollten Bayern "das Grab nicht graben". Die süddeutschen, nicht gänzlich unberechtigten Ressentiments gegen das übermächtige Preußen, gegen den Sieger von 1866, ballte er in zwei Sätzen zusammen: "Ja, dieses unser bayerisches Volk und das ganze süddeutsche Volk hat nicht eine militärische Vergangenheit hinter sich, wie das norddeutsche, das preußische schon seit hundert Jahren. Dieses Volk ist für den Frieden geboren, es ist den Frieden gewohnt, und es wird unendlich bitter fühlen, was es heißt, das dienende Glied eines großen Militärnationalstaates zu sein."

Aber die Fraktion der Patrioten, die über die Mehrheit verfügte, spaltete sich unter dem Druck der Volksmeinung. Die Zweidrittelmehrheit für das neue Kaiserreich war gesichert. Bismarck hatte eigentlich nie an der Ratifizierung gezweifelt. Er wußte, daß Regierung, Klerus, die von den Nationalliberalen und von ihm selber mobilisierte "öffentliche Meinung" und der Hof die Sache zum guten Ende bringen würden. Der Hof vor allem.