Die New Yorker Haussiers – so scheint es – haben sich verrechnet. Als am 10. November die letzte Versteigerung von Silber aus den Beständen der US-Regierung abgehalten wurde, sahen sie bereits eine silberglänzende Zukunft voraus: Die Versorgungslücke am Markt, bislang durch die wöchentliche Versteigerung von durchschnittlich 1,5 Millionen Unzen aus den strategischen Reservebeständen der Regierung gedeckt, würde den Preis bis Ende 1971 auf rund drei Dollar je Feinunze hochtreiben.

Indes hat sich der Unzenpreis bis heute kaum verändert, er ist eher etwas leichter geworden. Damit scheint die Baissepartei von New York mit ihrer Prognose recht zu behalten. Die amerikanische Vereinigung der Silberverbraucher vertrat einer Analyse des amerikanischen Wirtschaftsmagazins Business Weck zufolge die Ansicht, von einer Versorgungslücke könne nicht die Rede sein. Denn die amtlichen Bestände seien zu einem beträchtlichen Teil in private Horte übergegangen. Diese Silberhorte werden nun allmählich auf den Markt kommen.

Auch deutsche Kenner des Silbermarktes teilen die Ansicht der Baissiers. Kommentar der Frankfurter Degussa: "Die Spekulation um den Silberpreis ist deswegen nicht in die von vielen gewünschte Richtung gegangen, weil sie bereits in den Vormonaten vorweggenommen wurde." Von Silberknappheit will man in Frankfurt auch nichts wissen: "Es ist genug Silber vorhanden." Jedoch räumt man ein, daß, langfristig gesehen, das edle Metall knapp werden könnte. Dann könnte auch der Preis steigen. Zunächst also haben die Spekulanten den kürzeren gezogen. Sie dürfen sich nun auf eine längere Wartezeit einrichten.

Selbst das Rätselraten um den Silbergehalt der "Eisenhower-Dollar-Münze", das den Preis noch vor Jahresfrist in Bewegung gebracht hatte, könnte die Spekulation nicht mehr in Gang setzen. Das amerikanische Schatzamt verfügt nach Ausscheiden aus dem Silbergeschäft noch über rund 23 Millionen Feinunzen. Weitere 25 Millionen Feinunzen aus der strategischen Reserve seien bereits im März dieses Jahres für überschüssig erklärt worden, heißt es in Washington. Für die Prägung des Eisenhower-Dollar benötigt man dagegen nur gut 47 Millionen Feinunzen.

Die gegenwärtige Weltproduktion von Silber liegt bei jährlich rund 280 Millionen Unzen. Der Verbrauch wird auf rund 400 Millionen Unzen pro Jahr geschätzt. Es ergibt sich also ein Defizit von 100 bis 150 Millionen Unzen. Bislang machen sich die Silberverbraucher allerdings keine Sorgen. Photo-, Elektro- und Elektronikindustrie, die zusammen rund zwei Drittel des gesamten Silberkonsums beanspruchen, können ihren Bedarf, noch aus sekundären Quellen decken: durch Rückgewinnung und durch Einschmelzen alter Münzen. So rechnet man denn auch mit einem potentiellen Angebot von rund 1,2 Milliarden Unzen.

Langfristig muß der Silberbedarf jedoch wieder auf die Primärproduktion zurückgreifen. Und hier liegen einige Schwierigkeiten. Die Silberminen, die heute in Betrieb sind, arbeiten auf Hochtouren. Doch rund 70 bis 75 Prozent des neugewonnenen Silbers werden als "Nebenprodukt" bei der Verhüttung von Kupfer-, Blei-, Zink- und Golderzen gewonnen. Und dabei sind die Silberanteile recht klein. Die Förderung kann sich demzufolge auch nicht der Marktnachfrage anpassen.

Überdies steigt der Silberbedarf ständig. Während das weiße Metall als Münzmaterial heute nur noch eine untergeordnete Rolle spielt, gewinnt es als industrieller Rohstoff zunehmend an Bedeutung. Die Photoindustrie, die allein knapp 30 Prozent beansprucht, hat bislang vergeblich versucht, den "Weg in die Silberfreiheit" zu finden. Rund 24 Prozent werden von der wachstumsorientierten Elektro- und Elektronikbranche und weitere 20 Prozent von der Silberwarenindustrie verbraucht. Aber dennoch sieht die Zukunft für den Silbermarkt nicht ganz düster aus: Der fast sagenumwobene indische "Silber-Berg" birgt noch rund vier Milliarden Unzen. Gunhild Freese