Von Herbert Heckmann

Ursprünglich hatte Henry Miller nicht vorgehabt, die Teile seiner großangelegten autobiographischen Romantrilogie "The Rosy Crucifixion" einzeln herauszubringen. In einem Brief an Lawrence Durrell schrieb er: "I wanted to hold them until I had reached the very last page." Aber Maurice Girodias, damals Leiter der Obelisk Press in Paris, überredete Henry Miller, den ersten Band der Trilogie gesondert zu veröffentlichen. Dieser erschien 1949 unter dem Titel "Sexus"; der zweite Teil "Plexus" folgte 1953; vom letzten Band liegt bis jetzt nur der erste Teil vor, der 1960 unter dem Titel "Nexus" herauskam.

Im Gegensatz zu den beiden letzten Teilen blieb der Band "Sexus" sehr lange im literarischen Untergrund, was freilich nicht heißen soll, daß ihm kein Erfolg beschieden war. Die New York Times Book Review nannte "Sexus" bei seinem Erscheinen in Amerika das obszönste der Bücher Henry Millers. In Frankreich war es achtzehn Jahre verboten, in den USA dauerte es fast ein Vierteljahrhundert, bis es gedruckt werden, konnte. Der Rowohlt Verlag, der sich des CEuvres Millers in Deutschland angenommen hat, legt es in diesem Jahr zum erstenmal vor –

Henry Miller: "Sexus", aus dem Amerikanischen von Kurt Wagenseil; Rowohlt Verlag, Reinbek; 606 S., 38,– DM.

Entstanden ist das Buch zum größten Teil im Kriegsjahr 1945. Es umfaßt Millers Erlebnisse in den Jahren 1923 bis 1927, als er die Botenzentrale der Western Union Telegraph Company in New York leitete. In einem kurzen Lebenslauf, den Alexander Koval für die Zeitschrift Das Lot übersetzte, bezeichnet Henry Miller diese Jahre als "die reichsten meines Lebens. Alles Gesindel, der Abschaum von New York ging durch meine Hände, wohl über 100.000 Männer, Frauen und Knaben. Während meines dreiwöchigen Urlaubs im Jahre 1923 schrieb ich mein erstes Buch; eine Studie ‚Die zwölf exzentrischen Boten‘. Es war ein dickes und wahrscheinlich sehr schlechtes Buch, aber das Schreiben machte mir Spaß. Ich verließ meine Stellung ohne Kündigung, entschlossen, Schriftsteller zu werden. Jetzt begann erst mein wirkliches Elend. Von 1924 bis 1928 schrieb ich sehr viele Geschichten und Artikel, von denen nie etwas angenommen wurde."

Die Muse dieser Boheme-Existenz war June Smith, die zweite Frau Henry Millers, die als Taxigirl in einem der großen Tanzpaläste am Broadway sich ihren Lebensunterhalt verdiente. Miller lernte sie 1923 kennen und verfiel ihr in einer Mischung von erotischer und mystischer Trunkenheit. June war für ihn der Inbegriff des Weiblichen, femme fatale und Mutter zugleich. Sie stachelte seine schriftstellerische Neugier an. Im "Tropic of Capricorn" schreibt Miller: "Sie ist Amerika auf zwei Beinen, beschwingt, geschlechtlich gebunden. Sie ist das Lubet, das Abscheuliche und das Veredelte, mit einem Spritzer von Salzsäure, Nitroglyzerin, Laudanum und zu Pulver gestoßenem Onyx."

Millers Freund Alfred Perles dagegen sah sie nüchterner. Ihm blieb nicht verborgen, daß Henry Miller die Launen seiner Frau mit einem masochistischen Vergnügen erduldete. Das Zusammenleben der beiden war Verwirrung und Krise in Permanenz – nur der Sex stiftete ekstatische Versöhnungen. In Millers Büchern erscheint June Smith mythisch verbrämt als Mona, manchmal als Mara. Er bekannte später, daß er ohne sie nicht Schriftsteller geworden wäre. Sein Verhältnis zu ihr hatte strindbergsche Ausmaße, es pendelte zwischen Haß und Liebe, zwischen Hölle und Paradies.