Von Alexander Rost

Zagen und Zweifel sind diesem Satz nicht anzumerken: "Sport und Fernsehen sind füreinander geschaffen." Punktum. Das ist der erste Sätz in einer 48-Seiten-Broschüre, in der die Sportredaktion des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) ihre "Bilanz zweier Sendejahre" vorlegte. Ein halbes Jahrzehnt ist das jetzt her; und daß mittlerweile keine ähnliche Dokumentation gedruckt wurde, mag durchaus ein Indiz für Zeitdruck, Arbeitsüberlastung, Alltagsärger, Zukunftssorgen nicht nur in jener Redaktion sein. Auch die Sportredaktion der ARD, der Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland, die das Erste Programm sendet, blickt nicht mehr zurück, sondern nach vorn: gen Olympia 1972. Doch sollte jemand das Verhältnis von Sport und Fernsehen nun abermals in einem lapidaren Satz erklären, er könnte getrost schreiben: "Sport ist für das Fernsehen geschaffen." Das ist zwar falsch; aber es stimmt.

Der Sport ist jedenfalls in Gefahr, wie ein Zirkuspferd an der Longe des Fernsehens zu traben. Selbstverständlich hat er dem Fernsehen manches zu verdanken, Geld besonders, Honorare für die Übertragungsrechte. Aber das Fernsehen kommt so auch zu ziemlich preiswerten Programmbeiträgen. Ein Fernsehspiel ist teurer als ein Fußballspiel. Die Lage des Sports, gesehen durch die Kamera-Optik, ist ernst und wird zusehends ernster.

"Fernsehgesichtspunkte", wie es einer der Fortschrittssprinter in den Sportredaktionen sagte, werden vielleicht schon den Ablauf der Olympischen Spiele in München über sportliche Gebühr hinaus beeinflussen; und ginge es nach den Hochleistungsfanatikern unter den Sportredakteuren, dann würden die Olympischen Spiele in den achtziger Jahren die ganze weite Televisions-Welt als Arena haben: Jeder einzelne Wettkampf findet dort statt, wo man geographisch, zum Beispiel dem Schwerefeld der Erde oder den atmosphärischen Daten entsprechend, die besten Rekordbedingungen findet – "Wir schalten um zum Hochsprung im Hochland von Kenia ..."

Die Kamera-Satelliten-Verbundschaltung droht dem Hochleistungssport seine Heimat, die Arena-, zu nehmen. Und es droht die elektronische Diktatur, die mit der Millionenzahl der auf Rekord erpichten Bildröhren-Zuschauer regiert. Fernsehen kann das große Doping des Sportes werden. Es wird Zeit, sich darüber Gedanken zur machen, bevor das Medium vollends "the message" und der Sport nur sein Gladiator ist.

"Interesse an Sportsendungen", so eine Infratest-Umfrage, haben 44 Prozent aller Fernsehzuschauer; von ihnen wiederum sind 66 Prozent Männer und 25 Prozent Frauen. Erst bei Zuschauern über siebzig macht sich Sportmüdigkeit, statistisch deutlich bemerkbar. Und von denen, die Volksschulbildung und keine Lehre haben, sind weit weniger (30 Prozent) an Sportsendungen interessiert als ehemalige Volksschüler mit Lehre (51 Prozent) und Absolventen von Mittel- oder Oberschulen (47 Prozent). Auch ohne solche Zahlen weiß man, daß jenes Gerede vom "primitiven Sportpublikum", das zuweilen noch in Elfenbeintürmen geistert, bares Gewäsch ist. Eine andere Frage freilich bleibt es, ob die Fernsehsportredakteure, die Programmdirektoren und die Intendanten nebst ihren Räten nicht das Sportpublikum unterschätzen. Sie tun’s offenbar.

Damit kein Irrtum störe: Selbstverständlich sollte das Sportfernsehen nicht "intellektualisiert" werden; und in diesem Zusammenhang sei angemerkt, daß "Intellektuelle" zum Sport oft eine gute, man darf sagen: entspannende Beziehung pflegen. Zwischen Feuilletonredaktionen, wenn sie kein Blättchen machen, und Sportredaktionen, wenn sie nicht altbacken feuilletonisieren, herrscht längst nicht mehr Fehde. Und wo es Reiberei zwischen Kritikern aus dem Ressort Kultur und Kritikern im Ressort Sport gibt, dann nämlich, wenn es um "die Sprache des Sports" geht, sind es nicht selten die Sportredakteure, die recht haben oder es doch richtig machen. Ein Wortungeheuerchen wie der "durchgebrochene Stürmer", nun denn: jeder weiß genau, was damit gemeint ist; und knapper läßt es sich nicht sagen. Die Sprache der Börse ist ungleich primitiver als die Sprache des Sports. Das ist keine Entschuldigung; das sei hier nur erwähnt. Die Zeit, da ein Sportreporter "zwanzig Wörter Basis-Deutsch", wie ein grimmiger Programmdirektor sich einmal mokierte, "und sonst nichts" benötigte, geht im Spurttempo zu Ende.