Von Hans Krieger

Man schrieb den 17. März 1933, als Wilhelm Reich sich veranlaßt sah, vor Illusionen zu warnen: "Niemand kann die objektive Wahrheit erschüttern, daß die analytische Theorie revolutionär und deshalb mit der Arbeiterbewegung verbunden ist. Deshalb glaube ich, daß die wichtigste Aufgabe heute nicht sein kann, die Existenz der Analytiker um jeden Preis zu sichern, sondern die Entwicklung der Psychoanalyse selbst voranzutreiben." Verlagsleitung und Beirat des Internationalen Psychoanalytischen Verlags hatten soeben entschieden, seine "Charakteranalyse" nicht zu publizieren.

Die Zeiten waren finster: Hitler hatte die Macht ergriffen, der große Exodus aufrechter Wissenschaftler, aus Deutschland begann; bald sollten die Werke Sigmund Freuds zusammen mit denen der besten Geister seiner Zeit auf dem Scheiterhaufen der Fanatiker brennen, und wie lange noch war man in Österreich sicher? Die psychoanalytische Bewegung, schon immer als kulturbolschewistisch angefeindet und nun erstmals real bedroht, hielt es nicht für opportun, sich weiter mit dem Namen eines Mannes zu belasten, der als radikaler Sexreformer und aktiver Kommunist auch politisch zu kompromittiert schien. Noch war Wilhelm Reich Mitglied der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung; ein Jahr später durfte er auch das nicht mehr sein.

Man kann das rückblickend nur als einen Akt der Selbstverstümmelung begreifen – eine Vorsichtsmaßnahme, die der Psychoanalyse wenig half (fünf Jahre später standen die Schergen des Terrors vor dem Haus Sigmund Freuds), sie aber des bedeutendsten theoretischen Kopfes beraubte, den sie neben Freud selber besaß.

Die Charakteranalyse erschien dennoch – im Selbstverlag des Autors. Fundamentale Fragen der analytischen Theorie und Technik waren damit in eine häretische Randposition abgedrängt, aus der sie nur eine fragmentarische Wirkung entfalten konnten. Was eine neue Ära des analytischen Denkens hätte einläuten müssen, blieb eine periphere Episode, die den Geschichtsschreibern der Tiefenpsychologie kaum mehr als eine Fußnote wert ist.

Der Einwand liegt nahe, Reich selber habe sich aller Wirkungsmöglichkeiten beraubt, indem er die Wissenschaft politisierte. Es gilt hier, eines sehr klar zu sehen: Nicht politische Positionen bestimmten die theoretische Interpretation klinischer Erfahrungen, sondern die aus der Freudschen Libidotheorie entwickelte Auffassung der Neurosen als einer Störung des sexuellen Energiehaushaltes unter dem Einfluss gesellschaftlich verhängten Triebversagung zwang dazu die Fiktion der "unpolitischen" Wissenschaft preiszugeben; der Weg führte von der Klinik zu Marx, nicht umgekehrt.

Reich schrieb darüber 1935: "Fragt man nach der Herkunft der Triebversagung, so überschreitet man die Grenzen der Psychologie, betritt das Gebiet der Gesellschaftswissenschaft und stößt auf eine grundlegend andere Problematik, als sie die psychologische darstellt. Die Frage, weshalb die Gesellschaft Triebunterdrückung und -verdrängung fordert, kann nicht mehr psychologisch beantwortet werden. Es sind gesellschaftliche Interessen, im engeren direkt wirtschaftliche, die in bestimmten Zeitepochen derartiges bedingen."