Von Dietrich Strothmann

"Gespräche mit israelischen Soldaten"; hrsg. von der Kibbuzbewegung; aus dem Hebräischen von Susanne Euler; Joseph Melzer Verlag, Frankfurt 1970; 404 Seiten, 18,– DM

Dieses Buch müßte, wäre es bekannt, zum "Buch des Jahres" erklärt werden. Wäre das zuviel verlangt: ein Buch aus Israel, dem Soldatenstaat, ein Buch vom Krieg, der Tod brachte über viele, ein Buch der Sieger, die der Stolz zum Hochmut über die Unterlegenen verleitet? Es spräche alles dagegen, dieses Buch zu rühmen – wäre es nicht ein Buch gegen den Krieg: über die Angst, getötet zu werden, über das Erschrecken, töten zu müssen.

Dieses Buch, unscheinbar im Äußeren, verloren fast in der Flut der Publikationen über den Krieg der sechs Tage vom Juni 1967, sprengt jeden Rahmen üblicher Militärliteratur. Es ist nicht "geschrieben", sondern "gesprochen", es drängt dem Leser keine Meinung auf, es konfrontiert ihn mit vielen Meinungen, es verschweigt nichts, es deckt ohne Schonung und Beschönigung alles auf. Es ist, unter rund hundert Büchern und Broschüren, die seit 1967 über diesen Krieg erschienen sind, das beste Buch – weil es das ehrlichste ist. Es ist die beste Antwort auf die üblichen Vorwürfe und Bedenken: Israel sei ein militaristischer Staat, die Israelis fühlten sich als Auserwählte. Solche Klischees werden hier zerbrochen.

Schon die Entstehungsgeschichte dieser "Gespräche" ist ungewöhnlich. Einige Mitglieder der Kibbuz-Bewegung wollten herausfinden, wie der Krieg auf die Soldaten aus den Siedlungen gewirkt hatte, wie sie kämpften und wozu sie in die Schlacht zogen. Sie machten Interviews in verschiedenen Kibbuzim, mit Offizieren und einfachen Armee-Angehörigen, mit Älteren, die schon 1948 oder 1956 dabei waren, und Jüngeren, die zum erstenmal an die Front mußten. Das Material dieser Unterhaltungen erschien zuerst als Privatdruck, bestimmt nur für die Kibbuz-Bewohner, unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Dann aber, als ihr Inhalt auch außerhalb der Siedlungen bekannt wurde, die Zeitungen darüber berichteten und der Druck von außen immer stärker wurde, entschlossen sich die Herausgeber. zu einer Buchveröffentlichung. Mit 70.000 verkauften Exemplaren wurden die "Gespräche" in Israel zum Bestseller Nummer eins. Nach einer englischen Ausgabe liegen sie nun auch in deutscher Sprache vor, in einer gekürzten Fassung.

Im Dialog, in bohrenden Fragen und meist zögernden, manchmal selbstquälerischen Antworten, wird ein Prozeß erkennbar, der die Ausgefragten zur Selbstbesinnung und Rechenschaft führt: Warum habe ich getötet? Was hat der Sieg aus mir gemacht? Wer bin ich, nachdem mein Freund gefallen ist und ich noch einmal davongekommen bin? Für wen und für was kämpfte ich? Die Antworten ergeben das ungeschminkte Selbstporträt skeptischer Sieger. Triumph wird zur Trauer, Überlegenheit zur Fragwürdigkeit, der Krieger zum Zweifler.

Da sagt einer, als er erzählt, wie er in Jerusalem auf einen fliehenden jordanischen Soldaten schoß: "Aber ich freute mich, daß ihm die Flucht gelang." Andere bekennen: "Denn die Angst war da. Wir fürchteten uns ziemlich." – "Der Krieg sah wirklich wie etwas ganz Fremdes aus" – "Der Krieg ist was Beschissenes" – "Was hat er mir getan, daß ich ihn umbrachte?" – "Ein echtes Problem: Wie können die Leute in den Krieg ziehen, ohne zu hassen?" Ein Pilot sagt aus: "Für mich war der Krieg lang. Sechs Tage lang denkst du bei jedem Einsatz, daß du vielleicht nicht davonkommst." Ein anderer meint: "Erst nach dem Krieg spürt man den Sinn des Lebens."