Von Werner Kließ

Täglich lassen wir in einer Sprache zu uns sprechen, die wir nie ordentlich erlernt haben. Wir haben sie aufgenommen wie die Muttersprache: unbewußt. Und an das unbewußte Lernen hat sich keine Phase angeschlossen, in der das Erlernte vertieft und systematisiert worden wäre. Es ist die Sprache des Films.

Weil wir die Sprache des Films unbewußt erlernt haben, wissen viele nicht, daß da überhaupt etwas erlernt worden ist. Bilder zu sehen und zu verstehen, das wird für eine natürliche Sache gehalten. Dann und wann hört man Anekdoten, etwa die, daß Leute eines entlegenen Stammes, denen man einen Film vorgeführt hat, gesagt hätten, diese Europäer wären Zauberer, sie könnten Bäume, Häuser und Menschen größer und kleiner machen. Diese Leute hatten beim Filmsehen nicht verstanden, daß die perspektivische Verkleinerung der Entfernung vom Betrachter entspricht. Sie hatten das als nicht selbstverständlich entdeckt, was uns selbstverständlich erscheint. Uns, die wir auf bestimmte Schemata der Wahrnehmung trainiert sind, muß erst in komplizierten Versuchsanordnungen deutlich gemacht werden, daß unsere Wahrnehmung erlernten Regeln folgt.

Aber das, worüber die entlegenen Leute staunten, was wir als kulturelle Leistung nicht erkennen, läßt sich in einer Versuchsanordnung auch uns bewußt machen. Zum Beispiel: Zwillinge gehen in einen offenbar rechtwinkligen Raum und stellen sich (in offensichtlich genau gleicher Entfernung von der Kamera) je in eine der hinderen Ecken. Während des Gehens ist die eine Person fast auf die halbe Größe "geschrumpft". Durch noch so genaue Betrachtung des Bildes läßt sich nicht erkennen, wie der Effekt zustande gekommen ist.

Erst eine andere Kameraperspektive deckt den Betrug auf: Der vom Zuschauer als rechtwinklig empfundene Raum ist in Wirklichkeit nicht rechtwinklig. Die hintere Wand ist schief. Die "geschrumpfte" Person steht in Wirklichkeit viel weiter hinten und erscheint dem Auge deshalb kleiner. Die perspektivische Manipulation des Raumes hat uns die Entfernung nicht erkennen lassen. Die Täuschung gelang, weil wir bei der Beurteilung dessen, was ein rechtwinkliger Raum ist, unbewußt Regeln anwenden. Das Aufdecken der Täuschung machte uns das bewußt.

Nicht nur in der Wahrnehmung (hier: der räumlichen Verhältnisse) halten wir uns an Regeln, auch ein gewisser Vorrat an Erzählformen ist uns zur Konvention geworden. Das läßt sich im Experiment mit einem Kind belegen. Wir führen eine Slapstick-Sequenz vor: Ein dicker Mann wird von einem dünnen Mann verfolgt. Der dünne Mann schlägt den dicken Mann nieder. Der bewußtlose Dicke träumt davon, wie er den Dünnen niederschlägt. Der Traum des Dicken wird durch bestimmte optische Effekte angezeigt, die jedem Erwachsenen unseres Kulturkreises geläufig sind, etwa das Verschwimmen des Bildes. Wir lassen den Film nun von einem Kind nacherzählen. Wir erfahren im Interview, daß das Kind zwar den Ablauf der Vorgänge, nicht jedoch, die beiden Ebenen "Wirklichkeit" und "Traum" erkennt. Es hat bestimmte Erzählkonventionen noch nicht gelernt.

Die recht grobe Unterscheidung der Ebenen "Traum" und "Wirklichkeit" dürfte als Konvention ohne weiteres einleuchten. Schwieriger ist bewußt zu machen, daß auch das einzelne Bild, wenn es in einer Folge mit anderen erscheint, seinen Sinn erst aus der Interpretation der Zusammenhänge erhält. Das heißt: wir bedienen uns nicht nur konventioneller Erzählformen, wir unterliegen schon beim Ansehen des einzelnen Bildes bestimmten Präformationen. Der russische Regisseur und Theoretiker Kuleschow belegte das an einem Experiment, das sich in folgender (von Kuleschow im Detail abweichender, im Prinzip gleicher) Anordnung wiederholen läßt: