Die Wiederbelebungsversuche an Roger Vitrac – den Surrealisten nahestehend und dann mit ihnen verfeindet, von Artaud für die Bühne entdeckt und dann schnell vergessen – sind gute sieben Jahre alt und wurden von Jean Anouilh vorgenommen. Er inszenierte 1962 in Paris und 1963 in München Vitracs "Victor", jenen kurzen, letal endenden Aufstand eines schrecklichen Kindes gegen noch schrecklichere Erwachsene.

Das Bochumer Theater wagte jetzt eine Wiederbeatmung von Vitracs "Coup von Trafalgar" von 1934. Dabei stellte sich heraus, daß das eingehauchte Leben unserem Theater ebenso zugute kommen könnte wie dem Stück. Vitracs Fähigkeiten lassen sich nämlich auch hier nicht in Botanisiertrommeln mit den Aufschriften "absurd" oder "grausam" ablegen. Zu sehr sprengen seine theatralischen Schauer Visionen alle Normen eines einebnenden Verständnisses.

Erzählt man die "Handlung" des "Coups" (besser: das, was sich an Handlung erzählen läßt), dann kann man bestenfalls begreifbar machen, daß Vitrac sein "Ausgangsmaterial" der zur Trivialität verkommenen Farce französischer Tradition entnommen hat. Im ersten Akt verkündet eine seltsam entrückte Hebamme ihrem Bekanntenkreis in einer Concierge-Loge, daß sie einen namhaften Archäologen heiraten werde: Vitrac travestiert das alte beliebte Märchen von der großen Partie des kleinen Mädchens.

Im zweiten Akt lädt das inzwischen verheiratete Paar die Bekannten der Hebamme zu sich ein. Des Archäologen verstörte Mutter (Theaternachfahrin unzähliger schwarzer Witwen), des Professors Flirt und Fluchtplan mit der Concierge-Tochter, Vergiftungen bei Tisch, der Plan des Professors, seine Gäste zu Aktionären bei einem archäologischen Unternehmen zu machen, um sie zu betrügen,

Im dritten Akt wirft Vitrac die ganze Gesellschaft in einen Luftschutzkeller. Der Erste Weltkrieg, in den diese Gesellschaft taumelte, ist da. Was sich vorher in die Gefühlsgipfel der Trivialität emporläutern konnte, versteckt sich jetzt als Deserteur im Keller, übt sich im Denunziantentum, nützt das Sexualleben der Kriegerwitwen handgreiflich aus. Im letzten Akt hat der Frieden diese Gesellschaft wieder. Vitrac läßt seine Figuren ins Melodram zurück. Die Engländer haben den Coup um den ägyptischen Grabschatz gemacht, den der archäologische Professor landen wollte. Die ehemalige Hebamme war’s, die aus verschmähter Liebe und im Bund mit ihrem Freund des Professors Plan, der gar nicht so betrügerisch war, verraten und verkauft hat.

Das Geniale an Vitracs Verfahren ist, daß er das Triviale nicht travestiert, sondern als Theatraliker ganz und gar ernst nimmt. Wie in Feydeaus Farcen der Bühnenmechanismus schnurrte, nicht, weil sich die Figuren auf diese Weise geölter bewegen konnten, sondern weil er damit zeigen konnte, wie sie dem Räderwerk ihrer Konventionen hilflos ausgeliefert waren, so zeigt Vitrac das gleiche Räderwerk in einem ausgeleierten Zustand. Auftritte wie am verhedderten Schnürchen – braucht er eine neue Person, dann kommt sie ("Ach, schon wieder klingelt jemand!") – bewegen das Theaterspiel wie ein sinnlos rotierendes, ätzendes Karussell: "Der Coup von Trafalgar" zeigt in jedem Augenblick am verrotteten Zustand der Theaterkonvention den Zustand einer Gesellschaft an. Die Peinlichkeiten eines auf den Hund gekommenen Theaterstils erweisen sich als das scharfsinnigste Äquivalent für auf den Hund gekommene Formen des Zusammenlebens, die, ohne daß die Beteiligten es wissen, in den Weltkrieg torkeln.

Die gescheite und wirksame Bochumer Inszenierung von Alfred Kirchner machte das entscheidend Richtige, indem sie sich auf die Genauigkeit der theatralischen Ungenauigkeit verließ. Anders ausgedrückt: sie zeigte sehr schön, daß Vitrac die "Natur" seiner Figuren in der Unnatur des trivialen Bodensatzes einfängt, den die "Kunst" (hier also das Theater) ihnen als ihren Ausdrucksraum zubilligt und zugesteht.