Suzanne und Ariel sind jene Laien und Psychoanalytiker verwirrenden Geschöpfe, nicht krankhaft normal und nicht normal krank, deren Liebe lesbisch ist. So einfach die Beschreibung des sogenannten Krankheitsbildes ist – Suzanne liebt Ariel, Ariel liebt Suzanne –, so kompliziert sind die auch von der Psychoanalyse erst vage durchschauten Wege dorthin. Gemessen an den Ergebnissen der Ursachenforschung zur Homosexualität, könnte man den detaillierten Erfahrungsbericht der einundzwanzigjährigen Französin Anne Vilmont möglicherweise sogar "wertvoll" finden –

Anne Vilmont: "Die Venusfallen", Roman; Verlag der Europäischen Bücherei H. M. Hieronomi, Bonn; 200 S., 18,– DM.

Weder Suzanne noch Ariel wären potentielle Patienten Freuds gewesen, der in seiner 1920 verfaßten Abhandlung "Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität" den ehrlichen Wunsch der Patientin nach Veränderung ihrer selbst und ihrer Kranheitssymptomatik für die Grundvoraussetzung einer analytischen Behandlung hält. Denn keine von beiden leidet an der Liebe primär, weil sie lesbisch ist, sondern weil die Folgen einer intensiven Liebesbeziehung im allgemeinen früher oder später Konfliktsituationen sind, in denen die nach Freud stärksten Antriebe des Menschen, Sexualität und Aggression, zu voller Blüte gelangen. Suzanne und Ariel liefern sich brutale Gefechte, inszenieren die anstrengendsten, trickreichsten Manöver, kämpfen um jeden Zoll Macht, rasen vor Eifersucht, schnurren wie die Kätzchen und sind ein Beispiel für Tausende ähnlicher Fälle.

Aber sie haben ein zusätzliches Problem. Ariel quält das weibliche Geschlecht Suzannes, sie hält sich für eine Lesbierin aus Zufall: "Du hast das gleiche Geschlecht wie ich, aber das ist. nur Zufall. Ich liebe dich, weil wir einander charakterlich nahestehen, und nicht, weil du eine Frau bist. Du hättest ein Mann sein können, das hätte auch nichts geändert." Doch Suzanne weiß eher als Ariel, daß sie sich täuscht, zwar Männer begehrt, "um sich mit ihnen zu messen, sich ihrer zu versichern", doch zum Zusammenleben eine Frau braucht. Und so erträgt sie die ausgeprägt heterosexuelle Phase Ariels und die permanente Angst vor dem "erfolgreicheren oder gewalttätigen Mann"; zwar wie ein hysterisches kleines Ungeheuer, aber mit zunehmender Bereitschaft zu lernen. Sie begreift die wüsten Auseinandersetzungen und intriganten Spiele als notwendige Stationen eines notwendigen Anpassungsprozesses, fühlt sich dort, wo sie nur "mit einem perversen Nagel hatte kratzen wollen", "wohl und eingehüllt" und sieht ihre Versuche, sich über die eigene sexuelle Identität Klarheit zu verschaffen, in der Überzeugung enden, daß das, was sie für "eine liebenswürdige Perversität, einen psychologischen Versuch, ein romantisches Abenteuer vor dem Erwachsenwerden" gehalten hatte, "in Wirklichkeit eine endgültige Leidenschaft war".

Die Autorin, die im ersten Teil, bei der Rekapitulation der Ereignisse, chronologisch verfährt, unternimmt in den letzten Kapiteln den Versuch einer psychologischen Analyse. Suzanne interpretiert ihr Verhältnis zu Ariel als Herausforderung an die bürgerliche Welt und Racheakt an der Mutter. Sie erkennt und beschreibt "eine gestörte Kindheit", ödipale Konflikte als entscheidenden Erfahrungsfaktor für das Entstehen ihrer Homosexualität und weist biologische Faktoren, "eine perverse Veranlagung", wie sie ihre Mutter möchte, als Ursache zurück.

Die Trivialität der Ereignisse und das Thema Homosexualität sind prädestiniert für Groschenpornographic. Und es dürfte auch kein Kunststück sein, aus dem Buch jede Menge Passagen unter dem Arbeitsbegriff Kitsch zusammenzustellen und zu sagen, wer so schreibt, sei unfähig. Er muß es nicht sein, wenn es ihm wie der Autorin gelingt, kitschige, triviale Passagen nicht als schriftstellerisches Unvermögen oder Kalkül, sondern als getreues Abbild einer trivialen Realität erfahrbar zu machen.

Der Verlag hat das Buch als pornographischen Leckerbissen hergerichtet. Ganz sicher hat es einen anderen Stellenwert. Christel Buschmann