Könnten Sie oder jemand in Ihrer Familie zuckerkrank sein?" stand auf einem Flugblatt der Hamburger Gesundheitsbehörde, das die Schulkinder in der Hansestadt nach Hause brachten. Auf dem Flugblatt stand, die Zuckerbrachten. sei weiter verbreitet, als man Zuckerhin annehme: "Während vor etwa fünfzig Jahhin in Deutschland noch ein bis zwei Zuckerkranke auf 1000 Menschen kamen, sind es heute zwanzig bis dreißig. Allzu üppige Ernährung fördert die Krankheit. Aber auch schlanke Menschen, Kinder und Jugendliche können zuckerkrank sein." Mit diesen und weiteren Hinweisen wurde dafür geworben, und an einer Aktion zur Früherkennung mit Teststreifen, die für zehn Pfennig in jeder Apotheke gekauft werden können, zu beteiligen.

Auch in anderen Städten der Bundesrepublik hat man sich bemüht, eine rechtzeitige Diagnose des Diabetes mellitus zu fördern. Die Zuckerkrankheit nimmt heute in den meisten zivilisierten Ländern rapide zu. Aber nur zwei Prozent der Bevölkerung kennen ihre Krankheit und lassen sich behandeln. Nach Ansicht der Mediziner muß man damit rechnen, daß weitere zwei Prozent der Bevölkerung in der Bundesrepublik ebenfalls zuckerkrank sind, ohne es zu wissen. Gefährlich ist auch, daß etwa ein Viertel der Bevölkerung die Zuckerkrankheit vererben kann, ohne selbst je zu erkranken.

Frühdiagnose und ärztliche Behandlung der Zuckerkranken in allen Stadien sollten darum selbstverständlich werden. Ebenso wichtig ist jedoch auch eine intensive Erforschung der Ursachen und des genauen Erscheinungsbildes des Diabetes mellitus. Bisher gab es dafür in der Bundesrepublik keine ausreichende Zahl von Forschungszentren. Jetzt wurde in München ein neues Institut für Diabetes-Forschung eingeweiht. Mit dem Einzug in ein modernes Laboratorium, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Stadt München finanziert wurde, kann die seit einigen Jahren arbeitende Forschungsgruppe mehr leisten. Bisher mußten sich die Forscher und Ärzte mit provisorischen Arbeitsräumen auf dem Gelände des Städtischen Krankenhauses Schwabing begnügen.

Nach dem Vorbild der Research Units in England und Amerika wird seit dem Januar 1968 in der Münchener Gruppe die Zusammenarbeit von klinischer Forschung und Grundlagenforschung praktiziert. Diese Kooperation von Wissenschaftlern aus verschiedenen Fächern bietet einen günstigen Ansatz zur Untersuchung des Phänomens Zuckerkrankheit. Professor Dr. Julius Speer, der Präsident der Forschungsgemeinschaft, meint, dieses Beispiel der Diabetes-Forschung sei außerdem geeignet, "die viel weiterreichenden Notwendigkeiten und Möglichkeiten interdisziplinärer wissenschaftlicher Zusammenarbeit innerhalb der Medizin und hier besonders zwischen Klinik und Grundlagenforschung aufzuzeigen".

Während der vergangenen drei Jahre wurden von der Forschungsgemeinschaft 6,6 Millionen Mark für das Projekt ausgegeben. Der größte Teil der Investitionsmittel stammt vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und von den Farbwerken Hoechst. Im Münchener Team arbeiten Experten aus den Fächern Biochemie, Klinische Chemie, Elektronenmikroskopie, Physikalische Chemie und Innere Medizin. Die Forschergruppe Diabetes umfaßt 35 Mitarbeiter, Die Hälfte sind Akademiker, die anderen vor allem medizinisch-technische und chemisch-technische Assistentinnen. Die Personalausgaben für die Forschungsgruppe betragen 655 000 Mark pro Jahr, hinzu kommen die Kosten des von der Stadt München bezahlten Personals der Klinik, Die Professoren Dr. Otto Wieland (Biochemiker) und Dr. Hellmut Mehnert (Stoffwechselspezialist) leiten das Team. Beide Professoren sind Chefärzte am Städtischen Krankenhaus Schwabing.

Wegen der Häufigkeit der Erkrankungen und wegen des Zusammenhanges mit der Überernährung sprechen die Münchener Experten bei der Zuckerkrankheit von einer Volkskrankheit. Die Forschung setzt in der Gruppe in Schwabing an bei der Untersuchung molekularer Mechanismen. Man versucht, die Regulationsvorgänge in der Zelle aufzuhellen. Die Biochemiker der Diabetes-Forschungsgruppe wollen nach den Angaben von Dr. Löffler und Dr. Weiss, die beide zum Team gehören, folgende Gebiete untersuchen: Erstens: den "Wirkungsmechanismus des Insulins auf den Stoffwechsel der lebenswichtigen Organe und die Konsequenzen, die sich durch das Fehlen oder mangelhafte Wirksamkeit dieses Hormons ergeben"; zweitens: die "Dynamik und Beeinflußbarkeit der Insulinsekretion aus den Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüsen".

Wie das Fett im Fettgewebe abgebaut wird, wie Reaktionen hormonal gesteuert werden und wie zum Beispiel der Zucker in die Muskulatur gelangt, erforscht man in München an isolierten Organpräparationen und an Einzelzellen. Ähnlich geht man auch vor, um den Einfluß von bestimmten Substanzen auf die Insulinfreisetzung in der Bauchspeicheldrüse zu untersuchen. Die Forschungsgruppe erwirbt bei diesen Arbeiten neue Kenntnisse vom generellen Mechanismus des Stoffwechsels und der Wirkung der Hormone.