Des "Phänomen", dem wir alle unsere Esistenz verdanken, gehört neben Essen, Trinken und Schlaf zu den primären menschlichen Bedürfnissen. Viel mehr läßt sich mit Gewißheit über die Sexualität nicht sagen.

Sie erfährt von allen primären Bedürfnissen in unserer Gesellschaft wohl die einschneidendste Zäsur während des Sozialisierungsprozesses. Und eben dieser Eingriff ist es, der den theoretisch so einfachen Zusammenhang eines primären Bedürfnisses mit primären Reizen und Reaktionen so sehr kompliziert.

Ausgiebig läßt sich über die zahlreichen Verschränkungen der Sexualität mit dem individuellen und gesellschaftlichen Leben diskutieren, über das "Triebschicksal", um mit Freud zu reden. Seit Pawlow wissen wir, daß alle primären Bedürfnisse mit einer schier unbegrenzten Zahl sekundärer Reize und Reaktionen gekoppelt werden können. Angst in Form von Tabus und psychischen Störungen, Ersatzbefriedigungen in Verkleidung antisexueller Kampagnen und durch totale Verselbständigung einzelner Partialtriebe, schließlich eine Unzahl sekundärer Motivationen vom Leistungsnachweis über Geltungsbedürfnis bis zum Herrschaftsanspruch können so eine fast untrennbare Einheit mit dem primären sexuellen Bedürfnis eingehen.

Die Mär, es gäbe plötzlich eine "Sexwelle", von der die einen behaupten, sie überflute uns, die anderen meinen, sie ebbe bereits wieder ab – diese Mär setzt voraus, daß Sexualität nur dann im Spiele sei, wenn eindeutige Reize auszumachen sind. Wenn man dies mit Recht bestreitet, gab es immer und überall eine "Sexwelle". Nur: die unterschiedlichen Reize und Reaktionen ließen oft das ursprüngliche Bedürfnis nur schlecht erkennen.

Einstweilen sind uns die Moralisten den Beweis dafür noch schuldig, daß der vorgeblich asoziale Sexualtrieb veredelt werden müsse, da er ursprünglich nur auf egoistischen Lustgewinn aus sei. So wird behauptet, ihn gelte es zu bändigen, zu sozialisieren, da er sonst die Gemeinschaft gefährde. Dagegen steht die These, der nicht-entfremdete Sexualtrieb sei seinem Wesen nach sozial, eigener Lustgewinn und libidinöse Gemeinschaftsbildung bedingten sich gegenseitig.

Die traditionelle Lustfeindlichkeit hatte das Ziel, Sexualität aus dem Leben der Gemeinschaft zu verbannen, sie ins Ghetto der monogamen Ehe zu zwingen. Hier galt Zucht als einzig legitimer Zweck, und man identifizierte die eigene Art so sehr mit diesem Ukas, daß man jedes abweichende Verhalten guten Gewissens als "abartig" und "unzüchtig" diffamieren könnte.

Auf den ersten Blick erscheinen die neuen Parolen von der Sexualität als Vergnügen, als eine Befreiung aus diesem Zwang. Kaum eins der alten Tabus, das von der Legion moderner Lustapostel nicht angegriffen würde. Doch ein zweite Blickläßt erkennen, wie mühelos sich dieser Appell mit der durch die alte Moral erzwungenen lsohierung der Menschen verbinden läßt. Diese wird nicht durchbrochen, sie wird nicht durch echte libidinöse Gemeinschaftsbilduag ersetzt, sie wird vielmehr perpetuiert durch autoerotisch narzißtische Scheinbefriedigung. List zu propagieren, ohne gleichzeitig jene Strukturen ändern zu wollen, die Solidarität und Geborgenheit in der Gruppe verhindern, ist ein auswegloses Unterfangen. Der nicht auf das Primat der Genitalität fixierte Sexualtrieb ist hierzulande noch unbekannt.