Von Werner Ross

Das Thema ist unendlich; Henry Miller hat seine Schrift über Obszönität mit dem Satz begonnen: "Über Wesen und Bedeutung der Obszönität zu diskutieren, ist fast so schwierig, wie über Gott zu reden." In der Bundesrepublik freilich haben sich die Parteien in schöner Schlichtheit schnell auf feste Meinungen geeinigt: Die SPD ist für die Freigabe der Pornographie, die CDU dagegen. Die Presse wiederum hat sich ziemlich einheitlich dazu entschieden, die letzten Gegner der Pornographie als "Sexmuffel" in die Ecke zu stellen.

Demgegenüber scheint es mir ein sympathisches Zeichen von Nonkonformismus, wenn der für den Jugendschutz verantwortliche sozialdemokratische Arbeitsminister von Nordrhein-Westfalen, Figgen, es genauer wissen wollte. Er gab eine Untersuchung über Pornographie in Auftrag, "um in einem vieldiskutierten Bereich für die Allgemeinheit und auch für die Rechtsprechung ordnende Hinweise zu geben". Der Auftrag fiel noch in die Zeit, wo Pornographie verboten, Kunst hingegen in aufsehenerregenden Prozessen freigekämpft wurde. Bei der heutigen Praxis, die die Aufhebung des Verbots schon vorwegnimmt, hat die Unterscheidung eher akademisches Interesse.

Originell war auch, daß Figgen nicht die üblichen literarischen Sachverständigen berief, die als Prozeßgutachter feinziselierte Abstufungen des Sündigen ausgearbeitet hatten, sondern zwei bis dahin unbescholtene Anglisten aus Münster –

Edgar Mertner / Herbert Mainusch: "Pornotopia – Das Obszöne und die Pornographie in der literarischen Landschaft"; Athenäum Verlag, Frankfurt/Bonn; 344 S., 19,– DM.

Die Anglistik war insofern zuständig, als einer der Hauptstreitpunkte zwischen den kunstfreudigen Verlegern und dem Pornographie witternden Staatsanwalt die "Fanny Hill" war, das muntere englische Freudenmädchen aus dem achtzehnten Jahrhundert, das im zwanzigsten so viele Prozesse schließlich gewonnen hat, zuletzt im Juli 1969 vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe, und das damit Josefine Mutzenbacher. und ihren Kolleginnen den Weg zum Herzen des deutschen Lesers öffnete.

Auch sonst hat ja die angelsächsische Literatur Wegmarken gesetzt: mit Frank Harris und Oscar Wilde, mit Lawrence und Joyce und schließlich mit dem Autor von "Sexus", "Plexus" und "Nexus", Henry Miller. Die Franzosen treten denn auch bei Mertner und Mainusch – bis auf den göttlichen Marquis – ziemlich zurück; André Gide wird nicht einmal erwähnt.