Von Anatol Johansen

Die von Budgetkürzungen geplagte amerikanische Weltraumbehörde NASA beginnt ernsthaft zu sparen. Ein Getreidesilo, Pappkarton und die abgeschnittenen Spitzen von Klebetuben sind das Material, mit denen Wissenschaftler in Houston jetzt das Modell einer Weltraumstation zusammenbauen, die Ende dieses Jahrzehnts eingesetzt werden, soll." Während diese, durchaus ernstgemeinte Nachricht am 13. November über die Fernschreiber von dpa ‚lief, waren die Russen bereits dabei, ein Unternehmen vorzubereiten, das auf weniger finanzielle Bedrängnis schließen läßt: Das Mondauto "Lunochod I" (Mondgeher) war bereits unterwegs zu seinem Ziel.

Am Dienstag, dem 17. November 1970, gab es dann die große Überraschung im lunaren "Regen-Meer". Vom Oberteil der Sonde "Luna 17" rollte ein Gefährt herab, auf das weniger das Adjektiv "futuristisch" als vielmehr die Bezeichnung "niedlich" paßt. Auf dem von der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS veröffentlichten Bild jedenfalls erscheint das achträdrige Gefährt eher, als sei es von Jules Verne entworfen und nicht von den fähigsten sowjetischen Wissenschaftlern und Technikern des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Bunt lackiert könnte man es sich fast als eine Kutsche aus dem Märchenland vorstellen.

Doch das erste Radfahrzeug, das je auf dem Mond gelandet wurde, ist alles andere als ein Spielzeug. Wenn die Sowjets die Existenz ihres "Lunochod" auch so geheimhielten, daß selbst die amerikanischen Raumfahrtingenieure von der Nachricht über sein? Landung auf unserem Nachtgestirn überrascht wurden, so haben sie inzwischen doch so viele Einzelheiten bekanntgegeben, daß man sich eine recht gute Vorstellung von dem Gefährt machen kann.

Allerdings haben die Russen wieder einmal die wichtigsten Daten nicht genannt. Weder die genaue Größe noch das Gewicht des Mondautos sind mitgeteilt worden. Man muß jedoch annehmen, daß die gesamte Sonde "Luna 17" einschließlich des Lunochod mehrere Tonnen gewogen haben muß. Stellt man auch den Durchmesser der Trägerrakete in Rechnung, so kann man bei aller Vorsicht vermuten, daß der Mondwagen mindestens einige hundert Kilogramm wiegen muß bei einer Länge, die man ganz grob auf zwei Meter schätzen könnte. Doch das sind reine Spekulationen.

Über die acht Räder des Mondautos weiß man jedoch mehr. Sie sind einzeln aufgehängt und werden von je einem Elektromotor angetrieben, der seine Energie von Solarzellen erhält, die Sonnenenergie in Strom verwandeln. Selbst für den Pannenfall ist Vorsorge getroffen. Wenn sechs der acht Räder ausfallen, sorgt eine spezielle Automatik dafür, daß die beschädigten Radantriebe nicht zu einer Bremse werden. Durch Funkbefehl von der Erde aus könnte in einem solchen Falle eine Wellenverbindung im Fahrzeug durch die Explosion einer kleinen Sprengladung unterbrochen werden. Das betreffende Rad könnte dann sozusagen im Freilauf weiter mitrollen.

Die Felgen sind so schmal wie die eines Fahrrades. Auch die Speichen sollen denen eines Zweirades ähneln. Doch Gummireifen gibt es am sowjetischen Mondwagen nicht. Vernetzter Draht nimmt die Stelle von Mantel und Schlauch ein. Trotzdem sind die Räder mit einer Art jener "Spikes" versehen, die auch auf unseren Autobahnen in den nächsten. Monaten wieder zu. ihrem Recht kommen werden. Kleine Titanplatten auf dem Drahtgeflecht dienen als Sporen und sollen den sicheren Halt des Lunochod gewährleisten.