"Was tun Sie, Frau Müller?" sagte Erika mit bebenden Lippen, "hören Sie auf, Sie machen mich wild." – Oskar Buch: "Orgien der Lust" (aus "Wunderhorn", – Erotische Texte zum eigenen Gebrauch, Olympia Press)

Sprechen Sie das Wort "Liebesroman" aus, und Sie werden merken, daß Sie es mit Distanz tun. Ein Widerstand, ein Vorbehalt werden spürbar – wollte man sie formulieren, dann käme man vermutlich auf Worte wie "illusionär", "verlogen", "kitschig", "prüde", "konformistisch" und dergleichen mehr.

Liebe, im gesellschaftskritischen Roman des neunzehnten Jahrhunderts eine normensprengende Kraft, die das Individuum aus allen geltenden Ordnungen herauslöste und in eine meist tödliche Selbsterfahrung hineinriß, wird heute von den stereotypen Dramaturgien des Trivialromans als harmlose Konvention verwaltet und funktioniert im Happy-End als schönster Lohn für die Anpassung. Liebe führt nach anfänglichen Wirren als untrügliches Wahlkriterium zur Heirat und läuft dann als dauerhaft vorausgesetzt und nicht weiter interessant in häuslicher Innigkeit aus! Der Individuationsprozeß ist in der Sicht dieser Romane eine kurze Phase der Unruhe, die mit der Partnerwahl institutional abgeschlossen wird.

Was danach beginnt, hat Tucholsky als "vabrühte Milch und Langeweile" bezeichnet und so das Happy-End als ein ohnmächtiges Augenschließen vor der unvermeidlichen Enttäuschung kenntlich gemacht.

Die Autoren der Groschenhefte sind mit Tucholsky vermutlich einer Meinung. Sie schreiben für ein resigniertes, illusionsbedürftiges Publikum, überzeugt, daß es sich im doppelten Sinne nicht lohnt, sich mit dessen Berufs- und Ehealltag zu befassen. Gerade das Wegblicken bestätigt die Übermacht der Verhältnisse, in die das Liebespaar am Ende des Romans unausweichlich hinein muß und in denen es sich verwandeln wird.

Am Ziel seiner Wünsche ist es schon ein wenig still geworden. Die Augen leuchten zwar noch, aber man merkt, die beiden beginnen Tritt zu fassen. Was können sie jetzt noch erwarten? Offenbar nichts Erzählenswertes. Als trübe Vorboten der Zukunft stehen die Brauteltern im Hintergrund und stellen ihr Erloschensein fraulich milde und männlich humorig als Reife dar.

Der Mythos der leidenschaftlichen Liebe, den die Trivialromane illusionär mit der gesellschaftlichen Realität versöhnen wollen, bezieht sein energetisches Potential gerade aus der Unterdrückung der unmittelbaren Triebwünsche durch die Gesellschaft. Was nicht alltägliches Leben werden kann, steigert sich zum utopischen Leuchten eines Ausnahmezustandes, der nun als das einzig wahre Leben erscheint. Aber diese Faszination wird zugleich als Bedrohung erlebt. Wenn man ihr folgt, gibt man die Sicherheit auf, mit der das konforme vernünftige Verhalten von der Gesellschaft belohnt wird. Etwas Destruktives scheint in der Leidenschaft zu stecken. Sie ist ein Protest gegen alle Bedingtheiten und Begrenzungen des Ichs, gegen den Tod, die Trennung, die Vernunft des Verzichts, der zu einem rasenden und unmöglichen Ausbruchsversuch aus der Zeit und in letzter Konsequenz in die Irrealität des Todes führt.