Fesselung und Entfesselung

"Was tun Sie, Frau Müller?" sagte Erika mit bebenden Lippen, "hören Sie auf, Sie machen mich wild." – Oskar Buch: "Orgien der Lust" (aus "Wunderhorn", – Erotische Texte zum eigenen Gebrauch, Olympia Press)

Sprechen Sie das Wort "Liebesroman" aus, und Sie werden merken, daß Sie es mit Distanz tun. Ein Widerstand, ein Vorbehalt werden spürbar – wollte man sie formulieren, dann käme man vermutlich auf Worte wie "illusionär", "verlogen", "kitschig", "prüde", "konformistisch" und dergleichen mehr.

Liebe, im gesellschaftskritischen Roman des neunzehnten Jahrhunderts eine normensprengende Kraft, die das Individuum aus allen geltenden Ordnungen herauslöste und in eine meist tödliche Selbsterfahrung hineinriß, wird heute von den stereotypen Dramaturgien des Trivialromans als harmlose Konvention verwaltet und funktioniert im Happy-End als schönster Lohn für die Anpassung. Liebe führt nach anfänglichen Wirren als untrügliches Wahlkriterium zur Heirat und läuft dann als dauerhaft vorausgesetzt und nicht weiter interessant in häuslicher Innigkeit aus! Der Individuationsprozeß ist in der Sicht dieser Romane eine kurze Phase der Unruhe, die mit der Partnerwahl institutional abgeschlossen wird.

Was danach beginnt, hat Tucholsky als "vabrühte Milch und Langeweile" bezeichnet und so das Happy-End als ein ohnmächtiges Augenschließen vor der unvermeidlichen Enttäuschung kenntlich gemacht.

Die Autoren der Groschenhefte sind mit Tucholsky vermutlich einer Meinung. Sie schreiben für ein resigniertes, illusionsbedürftiges Publikum, überzeugt, daß es sich im doppelten Sinne nicht lohnt, sich mit dessen Berufs- und Ehealltag zu befassen. Gerade das Wegblicken bestätigt die Übermacht der Verhältnisse, in die das Liebespaar am Ende des Romans unausweichlich hinein muß und in denen es sich verwandeln wird.

Am Ziel seiner Wünsche ist es schon ein wenig still geworden. Die Augen leuchten zwar noch, aber man merkt, die beiden beginnen Tritt zu fassen. Was können sie jetzt noch erwarten? Offenbar nichts Erzählenswertes. Als trübe Vorboten der Zukunft stehen die Brauteltern im Hintergrund und stellen ihr Erloschensein fraulich milde und männlich humorig als Reife dar.

Der Mythos der leidenschaftlichen Liebe, den die Trivialromane illusionär mit der gesellschaftlichen Realität versöhnen wollen, bezieht sein energetisches Potential gerade aus der Unterdrückung der unmittelbaren Triebwünsche durch die Gesellschaft. Was nicht alltägliches Leben werden kann, steigert sich zum utopischen Leuchten eines Ausnahmezustandes, der nun als das einzig wahre Leben erscheint. Aber diese Faszination wird zugleich als Bedrohung erlebt. Wenn man ihr folgt, gibt man die Sicherheit auf, mit der das konforme vernünftige Verhalten von der Gesellschaft belohnt wird. Etwas Destruktives scheint in der Leidenschaft zu stecken. Sie ist ein Protest gegen alle Bedingtheiten und Begrenzungen des Ichs, gegen den Tod, die Trennung, die Vernunft des Verzichts, der zu einem rasenden und unmöglichen Ausbruchsversuch aus der Zeit und in letzter Konsequenz in die Irrealität des Todes führt.

Fesselung und Entfesselung

Freud hat das verstehbar gemacht mit seiner These von der konservativen Natur unserer Triebe. Sie sind in seiner Sicht ein blinder Drang unseres Organismus, den Zustand totaler Befriedigung wiederherzustellen, den er in der vorgeburtlichen und auch noch in der frühkindlichen Vereinigung mit der Mutter erlebt hat. Gegen diese Erinnerung, gegen das Lustprinzip der frühen unbewußten Seelenschicht muß das werdende Individuum gezwungen werden, sich seiner Umwelt anzupassen, das heißt, immer mehr Triebenergie zu hemmen und auf kulturelle Ersatzziele zu richten. Das ursprüngliche Lustprinzip wird überlagert vom Realitätsprinzip (oder, wie Marcuse variiert: vom Leistungsprinzip), also den verinnerlichten Forderungen der Gesellschaft, die als das System der kollektiven Lebenserhaltung von jedem einzelnen Lustverzicht, Befriedigungsaufschub und Arbeit verlangen.

Diese enttäuschenden Erfahrungen konstituieren allmählich eine Person, die fähig ist, die Vorteile der sozialen Anpassung gegen die destruktiven unvernünftigen Erinnerungen zu verteidigen. Aber das ist ein dauernd gefährdeter Zustand, weil er einen Rest von Betrug enthält. Um das Leben zu erhalten, hat man auf die volle Erfahrung des Lebens verzichten müssen. Man hat gegen den Tod ein kulturelles Abwehrsystem errichtet, und nun hat er in Gestalt dieses Systems das Leben erfaßt.

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In den Liebesromanen der Trivialliteratur wird ganz im Gegensatz zum Sujet der Widerspruch von Realitäts- und Lustprinzip immer gegen das Luststreben, gegen die Sinnlichkeit gelöst. Es sind die bösen, verworfenen und fremdartigen Personen, die damit identifiziert werden und kein gutes Ende nehmen, jedenfalls erfolg- und glücklos bleiben, während die Liebenden schon so impotent und frigide sind, daß sie sich problemlos den strengsten Normen braver Kleinbürgerlichkeit und lebenslänglicher Monogamie anpassen können. Sie sind von vornherein Unterdrückte, denen zur Täuschung die Aura eines Gegenmythos geliehen wird. Freilich strahlt sie nicht mehr aus als eine billige Stimmungsleuchte.

Die Unterprivilegierten lesen diese Romane. Aus Apathie, aus ihrer verinnerlichten Chancenlosigkeit flüchten sie sich in diese laue Entspannung, um sich in kurzer Scheinversöhnung wieder anzupassen.

Aber die immer noch große Verbreitung der Groschenhefte täuscht darüber hinweg, daß sie als Taktiken der Strukturbewahrung überholt sind. Ihre starre Dramaturgie, ihre undialektischen Alternativen entstammen einer Moral des Mangels, die von der Konsumgüterwerbung längst verabschiedet ist. Die moderne Umwelt trainiert Reizempfänglichkeit und Beweglichkeit, sie braucht und begünstigt einen lernfähigen, jugendlichen Menschentyp. Der Trivialroman Schildert dagegen immer noch mit dem Anspruch, exemplarisch zu sein, eine Rollensuche, die in der Verhaltenskonstanz eines endgültigen Erwachsenseins mündet. Edgar Morin hat von dieser Art Reife gesagt, sie bedeute, "wenig zu leben, um nicht viel zu sterben". Offenbar ist das ein Konzept, das ohne mildernde Umstände nicht mehr ertragen wird. Die Frustrationstoleranz des Menschen hat abgenommen, weil mit der fortschreitenden Entwicklung der Produktivkräfte die zugemuteten Triebverzichte immer weniger einleuchtend sind.

Zwar gibt es weiterhin Monogamie, Autoritätsverhältnisse und frustrierende Arbeit, aber diese sozialen Strukturen, die vom Liebesroman der Groschenhefte idealisiert werden, haben durch die Appelle der Werbung und die Rationalisierung in der populären Aufklärung ihre Selbstverständlichkeit verloren. Sie werden jetzt nach ihren Lustmöglichkeiten befragt und durch diesen fremden Anspruch erschüttert.

Fesselung und Entfesselung

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Vielleicht sieht das so aus:

"‚Da sind wir nun richtig verheiratet, mit eigenem Haus, und hocken in unserer eigenen Einfahrt, nur weil wir im Bett nicht mehr miteinander heiß werden. Ist natürlich nicht unser Fehler, aber Scheiße, wir sind dreißig, und schließlich leben wir zwölf Jahre zusammen ...‘

‚Dann müssen wir uns trennen‘, sagte das Mädchen mit ruhiger und kontrollierter Stimme, während Tränen ihr Gesicht herunterliefen.

‚Ach Celie ... Ich liebe dich..."

‚Ich liebe dich auch...‘

‚Sieh mal, wir sind doch kluge Leute... einfach, weil wir beide alles miteinander ausprobiert haben. Alles ausprobiert? Scheiße, wir haben alles satt. In zehn Jahren vögelt man ’ne ganze Menge...‘

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‚Und lecken und streicheln ... und..."

‚Wir werden schon einen Ausweg finden. Celie, verlaß dich auf mich. Sexuelle Langeweile ist eine Sache, Liebe eine andere ... Wir werden schon einen Ausweg finden.‘"

Das wäre also das Problem, dem sich der Liebesroman durch das Happy-End entzieht und dessen Möglichkeit er überhaupt leugnet. Der pornographische Roman hat hier ein Desiderat entdeckt. Liebe ist im zitierten Text noch als Begriff vorhanden, aber sie gilt nicht mehr als Gewähr für geglückte Partnerschaft. Man kann sich allenfalls Anhänglichkeit darunter vorstellen, einen vagen Gefühlsniederschlag gemeinsamer Gewohnheiten. Doch Gewohnheit wird als Abnutzung und Bedrohung der Vitalität verstanden, wieder ganz im Gegensatz zum konventionellen Liebesroman, der dem freischwebenden Gefühl institutionelle Dauer verspricht, allerdings vermeidet, dieses Versprechen zu prüfen. Der pornographische Roman scheint praxisnäher zu sein, weil er das Luststreben als Antrieb voraussetzt, seine Beschränkung und Entmutigung als Gefahr begreift und nach einem Ausweg sucht.

Der zitierte Text gehört zum Anfang des Romans "Die Liebesfakultät" von Odette Newman, erschienen in der Olympia Press, Darmstadt. Wie beispielsweise auch der Olympia-Press-Roman "Barbara" zählt er zu einem Typus von Pornographie, der als fortschrittlich verstanden sein will. Das Thema ist immer eine sexuelle Revolution im Kleinen.

In "Barbara" spielt sich die Kumulation von sexuellen Handlungen, in Gang gebracht durch den erfahrenen Hippie Max, im Laufe eines Feriensommers am Meer ab und löst am Erde auch die Inzestschranken auf.

In der "Liebesfakultät" wird ebenso programmatisch ein festes vorgegebenes Milieu durch Enthemmung der Sexualität vollkommen umfurktioniert. Tom und Celie, ein Dozentenehepaar an einem amerikanischen College, sind hier die Schrittmacher des Lustprinzips. Weil sie sexuell am Ende sind, geben sie die monogamen Beschränkungen auf und suchen dauernd neue Sexualpartner, mit denen sie sich in neuen Variationen stimulieren. Sie haben heterosexuellen und gleichgeschlechtlichen Verkehr. Sie machen es zu zweit, zu dritt und in immer größeren Gruppen. Sie kosten exhibitionistische und sado-masochistische Reize aus. Sie machen es mit der Hand, mit den Füßen, dem Mund, mit Gegenständen an allen denkbaren Körperstellen. Sie treiben es bei der Arbeit, auf dem Kaffeetisch, in der Bibliothek, auf der Toilette, unter der Dusche, im Garten in einer alle Bereiche sexualisierenden Dauerpräsenz. Sie gewinnen ihre jeweiligen Partner – Kollegen, Schüler, Unbekannte – durch Überrumpelung, Verführung, Gespräch und gesellschaftlich organisiertes Liebesspiel. Und sie wecken bei sich und allen anderen eine so unbegrenzte orgastische Potenz, daß sich das College mit der Selbstverständlichkeit eines Naturvorgangs in eine sexuelle Kommune verwandelt, die im Schlußbild – nackte Freunde, Kollegen, Studenten auf freiem Feld – als ein neues Arkadien erscheint.

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Ist das ein Beispiel jener in jüngster Zeit oft geforderten massenwirksamen und fortschrittlichen Literatur, die sich nicht mehr als Kritik in die tatsächlichen Verhältnisse bindet, sondern sie mit kühnem Gegenentwurf überspielt?

Das Schlußbild der "Liebesfakultät" gibt sich diesen Anschein. Und in seinem Vorwort in "Barbara" sagt Maurice Girodias, der französische Verleger der Olympia Press, daß dieses Buch die Bedeutung eines Vorzeichens habe. Es kündigeeinefreiere, menschenwürdige Zukunft an, die für die "geheime asoziale Elite", die in diesem Buch dargestellt werde, schon Wirklichkeit sei. Die "Internationale der Jugend", meint er, habe die Lust zum elementaren Menschenrecht erklärt. "Lust, verstanden als Gegensatz zu den jüdisch-christlich-marxistischen Wertvorstellungen von Arbeit, Pflicht, Rangordnung, Gehorsam, Familie, Vaterland, Krieg und Langeweile. Lust ist Zeichen für alles, das positiv, schöpferisch und schön an der menschlichen Natur ist." "Glück", sagt er, definiert sich quantitativ und qualitativ in den Momenten der Lust, die man empfindet, empfängt und gibt. Und: "Es gibt kein politisches Ziel auf der Welt, welches wert wäre, daß ihm eine Minute menschlichen Glücks geopfert würde."

Dieser etwas pauschal hochgemute Text hat natürlich die Funktion, einer unterdrückten Literatur und ihren unsicheren Konsumenten eine Rationalisierung zu liefern. Er tut das, indem er Gedanken von Herbert Marcuse, Wilhelm Reich, Norman O. Brown und Leslie Fiedler zu einer glatten Einheitsargumentation verkocht, in der die Widersprüche der Sache selbst verschwunden sind.

Aber ob das Vorwort nun mehr der Taktik oder mehr dem Glauben entstammt – es hat auf jeden Fall programmatischen Charakter. Die sexuelle Revolution wird darin als Beginn und Maßstab der Revolution überhaupt verstanden und die typischen Ereignisfolgen der pornographischen Romane als deren Modell.

Das ist interessant genug, um sie daraufhin zu lesen. Was wird durchgespielt, was erscheint darin?

Die pornographische Phantasie ist ja ähnlich wie der Tagtraum ein fiktives Handeln, das in der Praxis gesperrte Antriebe an Attrappen auszuleben versucht. Und da in diesem Gehirnkino der Bewährungsdruck und also auch die Vermeidungsängste nicht aktualisiert sind, tut sie das mit äußerster Konsequenz. Es sind Entfesselungsträume von Gefesselten, deren infantile Radikalität etwas Aufsässiges hat, ganz im Gegensatz zu den Beschwichtigungsstrategien der trivialen Liebesromane.

Während dort immer ein zunächst wenigstens scheinbar freies energetisches Potential gesellschaftlich integriert wird, spielt die pornographische Phantasie die vollständige Freisetzung aller institutionell und moralisch gebundenen Triebkräfte durch. Es gibt zwar auch pornographische Romane, die sich den alten Erzählrahmen vom Liebesroman borgen, etwa so, daß jemand nach einer Serie von sexuellen Orgien mit wechselnden Partnern zum guten Ende doch einen einzigen lieben lernt und heiratet (zum Beispiel Carl Ross, "Ekstase", Olympia Press) oder daß Schwangerschaft kurz vor Romanschluß einen neuen Lebensernst andeutet (zum Beispiel Diane di Prima, "High! – Memoiren eines Beatmädchens", Olympia Press), aber das sind Beliebigkeiten, keine strukturell notwendigen Lösungen, und sie sollen auch nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Romane nur das Interesse an der Häufung sexueller Vorgänge bedienen wollen.

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Das wirkt wie ein hypothetisches Ermittlungsspiel, so, als solle die Frage beantwortet werden, wie das Leben unter der uneingeschränkten Geltung des Lustprinzips aussähe. Um eine flüchtige Glaubhaftigkeit zu erreichen, sind die Vorgänge häufig in subkulturellen Jugendmilieus angesiedelt, wo nicht nur Maurice Girodias eine "erotische Vision des Lebens" verwirklicht glaubt. Richtig daran ist, daß dort die Strukturen der Leistungsgesellschaft weniger fest sind und konträre Verhaltensstile ausprobiert werden, "Modelle eines Zusammenlebens ohne Leistungsdruck, Frustration und Angst".

So lautet der Untertitel eines von Franz Böckelmann unter dem Titel "Befreiung des Alltags" herausgegebenen Buches (Verlag Rogner & Bernhard), das neue Formen konkurrenzfreier Bedürfnisbefriedigung und Kommunikation zur Diskussion stellt. Rolf Schwendter entwickelt darin die Vorstellung eines öffentlichen Kontaktzentrums, wo außerhalb der Familien- und Berufsbeziehungen und außerhalb spezifisch definierter Kontaktmöglichkeiten wie "Ball der einsamen Herzen" und Prostitution jeder jederzeit unter einer großen Anzahl bereitwilliger Personen einen Sexualpartner finden kann.

Vermehrung und Erleichterung des Kontaktes, die "organisierte Selbstverständlichkeit", wie Böckelmann sagt, würden natürlich die Hochstilisierung von Paarbeziehungen zur Liebe, die als Argument für lebenslängliche Monogamie vom Trivialroman gefeiert wird, praktisch unterlaufen. Losgelöst von den Individuations- und Sozialisationsprozessen langer partnerschaftlicher Bindungen und ihrer großen Neuroseanfälligkeit, würde Sexualität zu einer Sache für sich. Sie erschiene als ein isoliertes naturhaftes Bedürfnis, das ganz im Sinne von Lenins These, der Sexualakt bedeute nicht mehr als ein Glas Wasser für einen Durstigen, punktuell befriedigt und vergessen werden kann. Eine solche Vorstellung ist in hohem Maße entlastend, denn sie annulliert die Vergangenheit. Man bliebe ungeprägt von Erfahrungen und allseitig offen, wenn auch vielleicht für gleichgültige Möglichkeiten. Aber das wäre im Sinne der subkulturellen Kpnzepte noch freier und sozialer als steckenzubleiben in den Fixierungen eines privaten Schicksals, das doch nur der Abdruck undurchschauter gesellschaftlicher Zwänge ist.

Der Rekurs auf die Logik eines natürlichen Grundbedürfnisses soll also die Strukturen der Entfremdung, die Herrschaftsverhältnisse, die lebensfeindlichen Versagungen und ihre mythischen Rechtfertigungen zum Einsturz bringen. Aber als Organisationsprinzip für eine neue Gesellschaft wäre es wohl ein wenig diffus. Schwendter plädiert selber dafür, daß mit der Vermehrung der Kontakte etwa bei der Partnervermittlung durch Computer neue, wissenschaftlich fundierte Wahlkriterien eingeführt werden müssen, und Böckelmann verspricht sich von dem praktischen Eingeständnis, "daß sich grundsätzlich fast alle Menschen ständig nach neuen erotischen Erfahrungen sehnen", nur einen entkrampfteren und lustvolleren sexuellen Konsum.

Die pornographische Phantasie träumt diesen Wunsch nach ungehemmtem, angstfreiem Lustgewinn mit allen regressiven Konsequenzen zu Ende. Sie imaginiert eine Gesellschaft der totalen Promiskuität, in der jeder mit jedem sexuellen Kontakt sucht und niemand einem Reiz widerstehen kann. Gerade die Momente, in denen mit den Widerständen die gesellschaftlichen Strukturen wegschmelzen, vergegenwärtigt sie sich mit besonderem subversiven Interesse. Immer wieder will sie sich deutlich machen, daß unter der dünnen Schicht der Konventionen das polymorph perverse Universum der Lust bereitliegt. Die Sozialmasken fallen, und aufstöhnend kehrt man wie aus einer Verbannung dahin zurück.

"‚Alfred zog seine willenlose Mutter aus dem Sessel und zog sie nackt aus. Auch er entledigte sich seines Schlafanzugs und drückte die vor Geilheit zitternde Frau auf die Couch...‘"

"Im Zimmer umschlangen sich die beiden reifen Frauen und preßten ihre Leiber aneinander, dabei streiften die fordernden Hände die Kleider weit nach oben. Sie küßten sich das Gesicht ab und sanken mit wilden Seufzern auf den Teppich."

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"‚Denn nun sah ich, daß die Korsage hinten offen war und den runden strammen Hintern freiließ. Meine zweite Hand betastete wollüstig die festen Backen, und Margot keuchte förmlich: ‚O du, ich kann es nicht mehr aushalten. Zieh dich doch auch aus und dann nimm endlich die Peitsche. Leg mich über den Tisch und dressiere mich wie eine freche Hündin.‘ "

"Von da an bewegten sich die drei nur noch in einem rasenden Taumel, eingehüllt in eine Wolke von Sperma und Schweißgeruch, an allen Stellen ihrer Körper feucht glänzend und glitschig."

Ist die Pornographie, die so heftig die Wiederkehr des Verdrängten betreibt, ein Selbstheilungsversuch der puritanischen Kultur? Die zitierten Texte sind für diese Frage besonders interessant, weil sie alle aus einer von Samuel Hirschfeldt herausgegebenen Sammlung von Laienpornographien stammen ("Wunderhorn – Erotische Texte zum eigenen Gebrauch", Olympia Press). Sie sind nicht von berufsmäßigen Schreibern verfaßt, sondern durch diese nur angeregt worden, das heißt, die Pornographie hat hier als Auslöser und Sprachmuster verborgenen Wünschen zur Artikulation verholfen. Es ist also ein vergleichsweise authentisches Material, was sich zunächst einmal darin zeigt, daß es an Radikalität die professionellen Produkte überbietet. Man merkt diesen Phantasien die Spannungen an, die sich in ihnen entladen wollen. übermächtig ist die regressive Tendenz, die die kulturelle Norm der genitalen, in zweigeschlechtlichen Partnerschaftsverhältnissen dauerhaft gebundenen Sexualität als lustfeindliche Dressur abstreift und eine totale Resexualisierung des Körpers imaginiert. Was sich da darbietet und windet, überall betastet, beleckt, beriecht und bepinkelt, aufschreit und sich zu verschlingen sucht, ist das wiedererwachte infantile Lust-Ich, das erlöst sein möchte vom Zwang zur Sublimierung. Es kann nicht verzichten, es ist einsichtslos. Es drängt auf Entstrukturierung der verfestigten Geschlechtsrollen, um in unaufhörlichen Bildern den Traum einer vollständigen Vereinigung mit dem Liebesobjekt wiederherzustellen, mit dem es die Wirklichkeit abwehren und seine Trennungsängste heilen will.

Natürlich ist es leicht und auch nicht falsch, die pornographischen Phantasien als Masturbationsträume von Frustrierten zu klassifizieren. Aber das ist eine Argumentation, die schon im Dienst der Verdrängung steht. Auf Kosten einer stärker oder auch nur manifest beschädigten Minderheit leugnet sie das Ausmaß der allgemeinen Frustration.

Unbefragt bestätigt sie so das vom psychoanalytischen Revisionismus (Erich Fromm, Karen Horney und andere) aufgestellte Ideal der "Reife", das sich selbst der Verdrängung verdankt und deren unauffälliges Instrument ist.

Diese Vorstellung vom erwachsenen Menschen, der seine Sexualität befriedigend ins soziale Muster integriert hat und dabei gesund, genußfähig und produktiv ist, erinnert an die Anpassungsideologie der trivialen Liebesromane. Auch hier wird das Glück zu einer Sache der richtigen Lebensführung und des richtigen Bewußtseins, also zu einer fordernden Norm, deren grundsätzliche Erfüllbarkeit nicht in Frage steht.

Aber nur dann wäre sie nicht unterdrückend, wenn sie als utopischer Entwurf verstanden würde, der dem Unvollendetsein des Menschen, das heißt seiner Historizität, als "fliehende Integrationsnorm" (Caruso) entgegengesetzt werden muß. An Stelle des Ideals der vollendeten Person, das schon eine Vorgestalt des Todes ist, träte die Vorstellung eines unaufhörlichen Werdeprozesses, der auf immer neuem Erfahrungsniveau die Spannung zwischen den nie zu stillenden kindlichen Lustwünschen und den Forderungen der Realität, und das heißt vor allem der Gesellschaft auszugleichen versucht.

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Das ist, wie Erik H. Erikson in seinem Buch "Kindheit und Gesellschaft" deutlich gemacht hat, "im großen Maßstab weder eine einzelmenschliche noch auch eine therapeutische Aufgabe", sondern setzt eine neue Kultur voraus, die auch eine neue Kultur der Sexualität wäre.

Davon ist heute unter dem Eindruck der wachsenden Möglichkeiten ein unklares Bewußtsein da, aber die Institutionen der Sozialisation – Familie, Schule, Arbeitswelt – halten die Anfänge einer Kultur der Sinnlichkeit und des Überflusses in engem Rahmen fest, und die Sexwelle als Schein der Befreiung vermehrt nur die Phantome der Ersatzlust.

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Pornographie ist ein Produkt dieser Situation. Die Wünsche wuchern, weil sie sich nicht lösen können, und je größer die Kluft zwischen Phantasie und Praxis wird, desto suchtartiger wird das Bedürfnis nach ihrer illusionären Überbrückung. Das ist ein Zirkel, in dem sich das Wünschen durch Überdrehung leerspielt und formalisiert.

Sieht man unter der Perspektive des Werdens Henry Millers autobiographischen Roman "Sexus", John Updikes Gesellschaftsroman "Ehepaare" und durchschnittliche pornographische Romane an, dann kann man in der Reihenfolge dieser Aufzählung trotz der Ähnlichkeit der in allen Büchern dargestellten sexuellen Handlungen eine fortschreitende Verarmung und Erstarrung feststellen.

Bei Miller ist die exzessive Sexualität mit all ihren infantilen Zügen der Ausdruck einer Gärung, die die ganze Person erfaßt und ihre gesamte Umwelt in chaotische Bewegung bringt, bei Updike spielt sich ein vergleichbarer Vorgang, ein Partnerwechsel, sehr viel bescheidener und angepaßter innerhalb gegebener Verhältnisse ab, im pornographischen Roman ist überhaupt keine glaubhafte Person da, die eine Erfahrung machen könnte, sondern hier rollt zwischen beliebigen Figuranten im Schema des Action-Romans eine Sequenz von sexuellen Handlungen ab, die durch quantitative Steigerung und ausgeklügelte Variation ihren inneren Stillstand zu verschleiern sucht.

Der Wiederholungszwang beherrscht das Genre, und darin ist es das genaue Abbild der Psychologie seiner Konsumenten. Sie hängen an ihren Fixierungen fest, denn sonst müßte es ihnen unmöglich sein, immer wieder zu denselben ritualisierten Phantasiespielen zurückzukehren. Gelegentlich gibt es zwar Romane, die von der Seriennorm abweichen, indem sie, wie zum Beispiel bei der Darstellung einer Nymphomanin (Alex Austin, "Eleanore", Olympia Press), die Kernszenen üppig in Milieu einbetten und mit existentieller Problematik durchtränken, aber das gerät zum mythischen Schwulst und wird von der Ungeduld der Leser, die die wirklichen Stellen suchen, sicher überblättert.

Diese Ungeduld ist das drängende und gesperrte Werdenspotential. Es kann nicht zur Ruhe kommen, es will seine Befreiung konstruieren, es ist immer auf der Suche. Aber der Wiederholungszwang, in den es verhakt ist, bewirkt wie beim Urbild des Genres, den Schriften des Marquis de Sade, daß der pornographischen Phantasie das Fleisch von den Knochen fällt und im vermeintlichen Arkadien sich das dürre Gespenst der Sublimierung zeigt, die Geometrie.