Freud hat das verstehbar gemacht mit seiner These von der konservativen Natur unserer Triebe. Sie sind in seiner Sicht ein blinder Drang unseres Organismus, den Zustand totaler Befriedigung wiederherzustellen, den er in der vorgeburtlichen und auch noch in der frühkindlichen Vereinigung mit der Mutter erlebt hat. Gegen diese Erinnerung, gegen das Lustprinzip der frühen unbewußten Seelenschicht muß das werdende Individuum gezwungen werden, sich seiner Umwelt anzupassen, das heißt, immer mehr Triebenergie zu hemmen und auf kulturelle Ersatzziele zu richten. Das ursprüngliche Lustprinzip wird überlagert vom Realitätsprinzip (oder, wie Marcuse variiert: vom Leistungsprinzip), also den verinnerlichten Forderungen der Gesellschaft, die als das System der kollektiven Lebenserhaltung von jedem einzelnen Lustverzicht, Befriedigungsaufschub und Arbeit verlangen.

Diese enttäuschenden Erfahrungen konstituieren allmählich eine Person, die fähig ist, die Vorteile der sozialen Anpassung gegen die destruktiven unvernünftigen Erinnerungen zu verteidigen. Aber das ist ein dauernd gefährdeter Zustand, weil er einen Rest von Betrug enthält. Um das Leben zu erhalten, hat man auf die volle Erfahrung des Lebens verzichten müssen. Man hat gegen den Tod ein kulturelles Abwehrsystem errichtet, und nun hat er in Gestalt dieses Systems das Leben erfaßt.

*

In den Liebesromanen der Trivialliteratur wird ganz im Gegensatz zum Sujet der Widerspruch von Realitäts- und Lustprinzip immer gegen das Luststreben, gegen die Sinnlichkeit gelöst. Es sind die bösen, verworfenen und fremdartigen Personen, die damit identifiziert werden und kein gutes Ende nehmen, jedenfalls erfolg- und glücklos bleiben, während die Liebenden schon so impotent und frigide sind, daß sie sich problemlos den strengsten Normen braver Kleinbürgerlichkeit und lebenslänglicher Monogamie anpassen können. Sie sind von vornherein Unterdrückte, denen zur Täuschung die Aura eines Gegenmythos geliehen wird. Freilich strahlt sie nicht mehr aus als eine billige Stimmungsleuchte.

Die Unterprivilegierten lesen diese Romane. Aus Apathie, aus ihrer verinnerlichten Chancenlosigkeit flüchten sie sich in diese laue Entspannung, um sich in kurzer Scheinversöhnung wieder anzupassen.

Aber die immer noch große Verbreitung der Groschenhefte täuscht darüber hinweg, daß sie als Taktiken der Strukturbewahrung überholt sind. Ihre starre Dramaturgie, ihre undialektischen Alternativen entstammen einer Moral des Mangels, die von der Konsumgüterwerbung längst verabschiedet ist. Die moderne Umwelt trainiert Reizempfänglichkeit und Beweglichkeit, sie braucht und begünstigt einen lernfähigen, jugendlichen Menschentyp. Der Trivialroman Schildert dagegen immer noch mit dem Anspruch, exemplarisch zu sein, eine Rollensuche, die in der Verhaltenskonstanz eines endgültigen Erwachsenseins mündet. Edgar Morin hat von dieser Art Reife gesagt, sie bedeute, "wenig zu leben, um nicht viel zu sterben". Offenbar ist das ein Konzept, das ohne mildernde Umstände nicht mehr ertragen wird. Die Frustrationstoleranz des Menschen hat abgenommen, weil mit der fortschreitenden Entwicklung der Produktivkräfte die zugemuteten Triebverzichte immer weniger einleuchtend sind.

Zwar gibt es weiterhin Monogamie, Autoritätsverhältnisse und frustrierende Arbeit, aber diese sozialen Strukturen, die vom Liebesroman der Groschenhefte idealisiert werden, haben durch die Appelle der Werbung und die Rationalisierung in der populären Aufklärung ihre Selbstverständlichkeit verloren. Sie werden jetzt nach ihren Lustmöglichkeiten befragt und durch diesen fremden Anspruch erschüttert.