‚Und lecken und streicheln ... und..."

‚Wir werden schon einen Ausweg finden. Celie, verlaß dich auf mich. Sexuelle Langeweile ist eine Sache, Liebe eine andere ... Wir werden schon einen Ausweg finden.‘"

Das wäre also das Problem, dem sich der Liebesroman durch das Happy-End entzieht und dessen Möglichkeit er überhaupt leugnet. Der pornographische Roman hat hier ein Desiderat entdeckt. Liebe ist im zitierten Text noch als Begriff vorhanden, aber sie gilt nicht mehr als Gewähr für geglückte Partnerschaft. Man kann sich allenfalls Anhänglichkeit darunter vorstellen, einen vagen Gefühlsniederschlag gemeinsamer Gewohnheiten. Doch Gewohnheit wird als Abnutzung und Bedrohung der Vitalität verstanden, wieder ganz im Gegensatz zum konventionellen Liebesroman, der dem freischwebenden Gefühl institutionelle Dauer verspricht, allerdings vermeidet, dieses Versprechen zu prüfen. Der pornographische Roman scheint praxisnäher zu sein, weil er das Luststreben als Antrieb voraussetzt, seine Beschränkung und Entmutigung als Gefahr begreift und nach einem Ausweg sucht.

Der zitierte Text gehört zum Anfang des Romans "Die Liebesfakultät" von Odette Newman, erschienen in der Olympia Press, Darmstadt. Wie beispielsweise auch der Olympia-Press-Roman "Barbara" zählt er zu einem Typus von Pornographie, der als fortschrittlich verstanden sein will. Das Thema ist immer eine sexuelle Revolution im Kleinen.

In "Barbara" spielt sich die Kumulation von sexuellen Handlungen, in Gang gebracht durch den erfahrenen Hippie Max, im Laufe eines Feriensommers am Meer ab und löst am Erde auch die Inzestschranken auf.

In der "Liebesfakultät" wird ebenso programmatisch ein festes vorgegebenes Milieu durch Enthemmung der Sexualität vollkommen umfurktioniert. Tom und Celie, ein Dozentenehepaar an einem amerikanischen College, sind hier die Schrittmacher des Lustprinzips. Weil sie sexuell am Ende sind, geben sie die monogamen Beschränkungen auf und suchen dauernd neue Sexualpartner, mit denen sie sich in neuen Variationen stimulieren. Sie haben heterosexuellen und gleichgeschlechtlichen Verkehr. Sie machen es zu zweit, zu dritt und in immer größeren Gruppen. Sie kosten exhibitionistische und sado-masochistische Reize aus. Sie machen es mit der Hand, mit den Füßen, dem Mund, mit Gegenständen an allen denkbaren Körperstellen. Sie treiben es bei der Arbeit, auf dem Kaffeetisch, in der Bibliothek, auf der Toilette, unter der Dusche, im Garten in einer alle Bereiche sexualisierenden Dauerpräsenz. Sie gewinnen ihre jeweiligen Partner – Kollegen, Schüler, Unbekannte – durch Überrumpelung, Verführung, Gespräch und gesellschaftlich organisiertes Liebesspiel. Und sie wecken bei sich und allen anderen eine so unbegrenzte orgastische Potenz, daß sich das College mit der Selbstverständlichkeit eines Naturvorgangs in eine sexuelle Kommune verwandelt, die im Schlußbild – nackte Freunde, Kollegen, Studenten auf freiem Feld – als ein neues Arkadien erscheint.

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